Stolpersteine in Sickenhofen

Dunkles Kapitel wachhalten

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Gunter Demnig verlegte an Christi Himmelfahrt seine „Stolpersteine“ vor den ehemaligen Wohnhäusern der beiden letzten jüdischen Familien Sickenhofens.

Sickenhofen - Vier Stolpersteine in Sickenhofen im Gedenken an die Familien Kahn und Frank verlegt. Von Ursula Friedrich 

Nie wieder Faschismus und Völkermord! Das Grauen des Nationalsozialismus zeigt sich lokal am Schicksal der beiden jüdischen Familien Kahn und Frank, die nach der Machtergreifung der Nazis in Sickenhofen lebten. „Von den acht jüdischen Mitbürgern wurden vier deportiert, vier konnten noch emigrieren“, erinnerte Ortsvorsteher Friedel Sahm. Sickenhofen stellt sich nun seiner Vergangenheit, um der Opfer zu gedenken. Vor den ehemaligen Häusern der jüdischen Familien in der Hergershäuser Straße 15 und Sachsenhäuser Straße 13 wurden an Christi Himmelfahrt acht sogenannte Stolpersteine als sichtbare Mahnmale menschlicher Gräueltaten verlegt. „Die Steine sind nicht nur zum Andenken“, sagte der Ortsvorsteher, „nur die Erinnerung kann uns davor bewahren, Faschismus noch einmal in unserem Land erleben zu müssen.“

Der Künstler Gunter Demnig erfand die kleinen quadratischen Würfel, Stolpersteine, die bereits in vielen deutschen Kommunen, darunter Langstadt, die Namen ermordeter Juden tragen, die einst zur Dorfgemeinschaft gehörten. Acht solcher Steine zeugen in Sickenhofen davon, dass der Nationalsozialismus auch hier „Unterdrückung, Unrecht, und eine blutige Spur hinterließ“, so der Ortsvorsteher.

„Ein anständiger Bub“

71 jüdische Bürger gehörten 1928 in Sickenhofen noch zur Bevölkerung. Erhalten ist bis heute die ehemalige jüdische Synagoge in der Wacholdergasse. 1935 habe die Gemeinde das Gebäude gekauft, wusste der Ehrenortsvorsteher Helmut Mahr, 1956 gelangte das Haus in Privatbesitz und wurde zum Mehrfamilienhaus ausgebaut. Helmut Mahr, mit 86 Jahren einer der ältesten Sickenhöfer, bereicherte die Gedenkstunde durch lebhafte Erinnerungen und Geschichtsforschungen. „Kurt Kahn war ein anständiger Bub, an den ich mich aus meiner Grundschulzeit erinnere, wenig später wurde er vergast“, schilderte der Senior mit belegter Stimme.

Mahrs langjährige Geschichtsforschungen mündeten vor einiger Zeit in ein Interview mit dem Altsickenhöfer Philipp Hickler (Jg 1917), der als Nachbarskind der Familie Frank deren Schicksal hautnah miterlebte. „Von heute auf morgen waren die Juden plötzlich unser Unglück!“, hieß es da, ihren Stoffhandel mussten die Franks aufgeben. Der Vater arbeitete im Babenhäuser Schlachthaus, später in der Papierfabrik Konfurter Mühle. „Die Vor- und Kriegszeit war für die Franks eine schlimme Zeit, von den Lebensmittelrationen bekamen sie bald gar nichts mehr“, so die Erinnerungen Hicklers, dessen Mutter und eine weitere Nachbarin, Katharina Kolb, der Familie Lebensmittel zustecken – bis sie von einer Einheimischen denunziert wurden.

Offensiv hat sich der Ortsbeirat Sickenhofens entschieden, dieses schwarze Kapitel Lokalgeschichte am Leben zu erhalten. „Als nächsten Schritt hat der Ortsbeirat beschlossen, eine Gedenkstätte für jüdisches Leben in der Sachsenhäuser Straße, neben der Brücke über den Richer Bach einzurichten“, sagte Sahm, erfreut, dass dieses Vorgehen unter den Sickenhöfern unterstützt wird. Aus der Bürgerschaft gingen bislang 1 810 Euro Spendengeld für die Aktion Stolpersteine ein. Im Etat der Stadt werden für die Aufarbeitung der Lokalgeschichte Babenhausens und seiner Stadtteile erneut 5 000 Euro eingestellt.

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Quelle: op-online.de

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