Fastnacht 2013

Der sündige Kiez in Langstadt

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Das Männerballett gehörte diesmal zu den besten Auftritten des Abends. Gleich in drei verschiedene Rollen schlüpften die Akteure und bewegten sich zu der modernen Tanzversion des Klassikers „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“.

Langstadt - „St. Pauli“ lautet das Thema der Karneval-Abteilung des TSV Langstadt. Es gab Kostümsitzungen mit vielen gelungenen Programmpunkten. Von Michael Just

514 Kilometer zeigt der gemalte Wegweiser auf der Bühne an. So weit ist es von „Longschd“ nach Hamburg, genauer gesagt, auf den Kiez und damit die Reeperbahn. Nur: Was hat der beschauliche Stadtteil mit dem Ort der Sünde zu tun? Eigentlich nichts, doch als Fastnachtsmotto könnte sich „St. Pauli“ kaum besser eignen.

Bei der großen Kostümsitzung der Karneval-Abteilung des TSV Langstadt war alles auf das Hamburger Vergnügungsviertel abgestimmt. Das nahezu perfekte Bühnenbild hatte Rene König gestaltet. Im Publikum zeigten sich viele als liebliche Matrosen verkleidet, und der Elferrat saß unter einem Straßenschild, das den Weg zur Herbert-Straße (dort sitzen käufliche Damen in Schaufenstern) wies. Um 19.11 Uhr zog der Elferrat mit Sitzungspräsident Frank Ludwig Diehl ein. Danach brachte ein Gardetanz (Leitung: Uli Metzler) die Gäste erstmal in Stimmung. Ricky Heb schickte sich für die erste Büttenrede eines Sitzungspräsidenten an. Der Mann aus Semd war mit Andre Reining (Schaafheim) einer von zwei Akteuren aus der Umgebung, die es in den letzten Jahren nur vereinzelt gab. „Bisher haben wir uns auf die eigenen Kräfte besonnen. Ab und an sollte man auch mal was anderes bieten“, sagt Frank Ludwig Diehl. Heb redete zwar als Stilelement sehr schnell und nicht immer verständlich, trotzdem kam sein Vortrag über die Probleme mit dem Elferrat, oder wie man eine gute Rede schreibt, bestens an.

EIn bunte Mischung an Witzen

Die Disharmoniker (Leitung: Dieter Haag) sangen Lieder aus dem Norden, bevor mit Dieter Schöffel als Fritzeschambes der zweite Büttenredner das Wort ergriff. Der Vortrag des erfahrenen Fastnachtsprofis war – genauso wie im zweiten Teil von Wolfgang Gaßmann als Pechvogel – eine bunte Mischung von Witzen. Die meisten Gags der beiden trafen ins Volle, wie die böse Vermutung, dass beim Einkauf mit Frau oder Freundin der Begriff „Mode“ für „Männer opfern das Ersparte“ steht.

Nach ihrer Visite bei der Sitzung in Sickenhofen kam das Prinzenpaar mit Lydia und Frank Müller auf die Bühne, um den restlichen Abend in der Heimat zu verbringen. Auch Bürgermeisterin Gabi Coutandin richtete Grußworte an das närrische Volk. Die Höhepunkte des ersten Teils folgten mit Couch-Potato Andre Reining und dem Männerballett (Leitung: Katja Krapp und Tanja Kaschka). Reining nahm das TV-Programm unter die Lupe und konnte sich mit Dschungelcamp, DSDS oder „Germany‘s next Topmodel“ über reichlich Steilvorlagen nicht beschweren. Vortrefflich analysierte er die Nabelschauen und nahm sie auf die Schippe.

Als Schande bezeichnete er es für jeden Landwirt, wenn bei „Bauer sucht Frau“ die Aspirantinnen auf ihren hohen Hacken beim Anblick einer Kuh erstmal das Kreischen anfangen. Das Männerballett legte im Anschluss wohl einer der besten Auftritt in seiner Geschichte hin. Als Seemänner, verführerische Transvestiten und als Chippendales, die im Original mit Traumkörpern und Striptease Weltruhm erlangten, war der Auftritt choreografisch und musikalisch kaum zu toppen und endete in einem verdienten Beifalls-Sturm. Bei den Doubles der Chippendales blitzen zum Teil nicht nur Bierbrett- sondern tatsächlich Waschbrettbäuche auf.

Abgekühlte Gemüter

Nach der Pause erweckten Atze&Friends die abgekühlten Gemüter. „Hans Albers lebt!“ ließe sich hier kommentieren. Fernweh nach Sansibar wurde dabei ebenso geweckt wie sehr erfolgreich Udo Lindenberg imitiert. Bei den Vorträgen reihte sich dann Petra Emmerich in die Bestenliste ein. Eigentlich nimmt sie sonst mit Lydia Müller in Form zweier wortgewandter Witwen (Else und Margot) kein Blatt vor den Mund. Da ihre Kollegin 2013 als Prinzessin unterwegs ist, hieß das nun Solo-Programm. Trocken ausgeteilt wurde trotzdem: So habe Cindy aus Marzahn die Margot wohl zur Prinzessin animiert. Jetzt vermisse sie sie in jeder Beziehung. Auch als Bollwerk, das sonst immer klasse die Zugluft neben ihr abgehalten hat.

Die Tänze im zweiten Teil mit der Aerobic-Gruppe und der Tanz-Formation des TSV brachten ebenfalls Tempo auf die Bühne. Die Aerobic-Gruppe brillierte optisch mit langen Schnauzbärten und Perücken. Als es auf Mitternacht zuging, setzte die St.-Pauli-Show den fulminanten Schlusspunkt. Rund zehn junge Langstädter spielten das Glamour-Paar „Die Geissens“. Dabei sucht Carmen ihren Robert auf der Reeperbahn. Mit allerlei Witz und Gesangseinlagen gelang hier ein krönender Abschluss des Abends. Heiko Duda, sonst in Babenhausen auf dem Ordnungsamt aktiv, trat besonders engagiert im Rotlichtmilieu auf.

Mit seinem Motto „St. Pauli“ landete die TSV Karneval-Abteilung einen Volltreffer, indem sie in das sonst eher ruhige Langstadt den sündigen Kiez holte. Gegensätze ziehen sich ja bekanntlich an und bringen die meiste Aufmerksamkeit – oder in diesem Fall die beste Stimmung.

Quelle: op-online.de

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