Tägliche Begleitung in G-Dur

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Die älteste Glocke Babenhausens hat ihren Standort auf dem Friedhof.

Babenhausen ‐ „Süßer die Glocken nie klingen“ ist an sich ein Lied aus der Weihnachtszeit, aber vielleicht gilt es auch für Ostern? Von Jasmin Frank

Denn schließlich müssen die Christen ja einige Tage auf das gewohnte Geläut verzichten, wird doch als Zeichen der Trauer über das Leiden und den Tod Christi von Gründonnerstag bis in die Osternacht hinein nicht geläutet. „Bei uns ist das nicht schwierig“, lacht Pfarrer Ferdinand Winter von der katholischen Kirche St. Josef und erklärt: „Wir haben zwar einen Kirchturm, der aussieht wie ein normaler Glockenturm, aber er enthält kein Geläute. Im Turm unserer Kirche ist lediglich die kleine Glocke, die in unserer früheren Pfarrkirche hing, die im Jahr 1970 abgerissen wurde. Sie wird nur noch beim alljährlichen Pfarrfest, das ja auch unser Kirchweihfest ist, per Hand zur Erinnerung geläutet.“

Anders sieht es in der evangelischen Kirche im Babenhäuser Ortsteil Langstadt aus, denn im dortigen Turm gibt es gleich drei Glocken. „Nicht nur unser Geläut, auch der Glockenstuhl ist etwas ganz Besonderes. Normalerweise hängen die Glocken nämlich nebeneinander, hier sind sie aber übereinander angebracht. Zudem ist der Stuhl üblicherweise aus Eichenholz, unserer aus dem Jahr 1880 ist aber aus Stahl und gilt als Industriedenkmal“, weiß Organist Dieter Haag.

2004 waren die Läutinstrumente nicht mehr zu retten

Er kennt sich gut aus im Kirchturm, steigt er doch täglich die vielen Stufen hinauf, um die historische Turmuhr aufzuziehen. Auch über die Langstädter Glocken weiß er einiges zu berichten. „Früher hatten wir hier Stahlglocken. Das kommt daher, dass die Bronzeglocken im Ersten Weltkrieg eingeschmolzen und zu Kanonenkugeln verarbeitet wurden. Im Zweiten Weltkrieg ging es anderen Gemeinden dann ‚an die Glocken', wir aber konnten unsere Stahlglocken behalten und als einzige Kirche im Umkreis läuten.“ Doch im Jahr 2004 waren die stählernen Läutinstrumente nicht mehr zu retten, sie waren schlicht durchgerostet. Also sammelte die Kirchengemeinde Geld und dank der großen Spendenbereitschaft konnten drei Bronzeglocken angeschafft werden, die nun in einem schönen G-Dur-Dreiklang den Tagesablauf der Langstädter begleiten.

Die große Glocke gehört zur Langstädter Kirche.

Die Glocken sind häufig im Einsatz und jede hat ihre ganz eigene Aufgabe. So läutet die Kleinste während des Vaterunsers in den Gottesdiensten, die Mittlere bei Taufen und die Größte jeden Morgen um elf Uhr. „Diese Uhrzeit zeigte den Bauern früher auf dem Feld an, dass der Mittag nahte. Auch abends wird aus Tradition geläutet, dann wussten Reisende, dass es Zeit wurde, sich eine Herberge zu suchen“, weiß Haag. Natürlich läuten die drei Glocken auch gemeinsam, zum Beispiel vor Gottesdiensten. Aber nicht immer, wenn man die bronzenen Tongeber hört, läuten sie auch: Für die Anzeige der Uhrzeit stehen sie nämlich still und werden mittels eines Hammers, der von der alten Turmuhr gesteuert wird, zum Klingen gebracht. „An einem Sonntag in den neunziger Jahren hörte sich das Geläut sehr merkwürdig an. Wir konnten nur zwei Glocken hören, dazu noch ein unheimliches, schwingendes Geräusch. Als wir nachsahen, mussten wir feststellen, dass der Klöppel der größten Glocke heruntergefallen war. Er war mit seinen 1,30 Metern Länge so schwer, dass wir drei Männer benötigten, um ihn wieder nach oben zu tragen“, erinnert sich der Langstädter Organist.

„Oh König der Ehren komme mit Frieden“

Doch auch in Babenhausen selbst findet sich ein ganz besonderes Stück: Die älteste Glocke der Stadt aus dem Jahr 1255. Sie hängt aber nicht im Glockenstuhl der Stadtkirche, da dieser überhaupt erst durch den Verkauf des historischen Stücks an die Stadtverwaltung in den 1950er Jahren errichtet werden konnte. „Im eigentlichen Kirchturm sind fünf Glocken, davon sind zwei aus dem 14. und 15. Jahrhundert, die anderen aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, separat hängt noch ein kleines Schulglöckchen in der Stadtkirche“, weiß Helmut Schroth, der sich in Babenhausen als Glockenexperte etabliert hat.

Aus Platzgründen und des harmonischen Gesamtklangs wegen musste die dienstälteste Glocke deshalb auf den Friedhof umziehen, wo sie jetzt aber einen eigenen Turm in exponierter Lage als neuen Einsatzort bezogen hat. Und wie die Menschen sich nun nach Ostern sehnen, so wartet die kleine alte Glocke auf Gott, ist doch auf ihr die Inschrift „Oh König der Ehren komme mit Frieden“ angebracht.

Quelle: op-online.de

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