Ein Tatort wie kein anderer

Darmstadt/Babenhausen ‐ Wie eine Lehrstunde in Kriminalistik mutete der siebte Verhandlungstag im Doppelmord-Prozess vor dem Landgericht Darmstadt an. Auf dem „Stundenplan“: Blutspurengutachten. Von Veronika Szeherova

Rechtsmediziner Dr. Roman Bux, der sich schon am sechsten Verhandlungstag zu den Schussverletzungen des getöteten Ehepaars Toll geäußert hatte, rekonstruierte allein anhand der Blutspuren die Geschehnisse des 17. April 2009.

Bei seiner fast dreistündigen Erläuterung zeigte er mittels Beamer Fotoaufnahmen vom Tatort. So konnte das Gericht – und erstmals auch die Zuschauer – genau nachvollziehen, wo welche Blutspur gefunden wurde und was sie bedeutet. Allein der Winkel, in dem ein Bluttropfen aufkommt, ob er linear oder nicht-linear ist, macht einen Unterschied aus in der Bewertung des Tathergangs.

Es gibt verschiedenste Blutspuren, wie Schleuder-, Eintropf-, Spritz-, Wisch- und Kontaktspuren, und das in diversen Anordnungen, primär oder sekundär – all das spielt eine Rolle. Der Tatort in Babenhausen wird dem Experten Bux lange im Gedächtnis bleiben: „So eine große Anzahl an vielgestaltigen Blutspuren an nur einem Ort habe ich vorher noch nie gesehen. Fast schon grotesk dagegen mutete die extreme Sauberkeit und die exakte Anordnung aller Gegenstände im Haus an.“

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Die Spuren waren verteilt auf alle vier Stockwerke. Blut von Klaus Toll war lediglich im Eingangsbereich vorhanden, also am Leichenauffindeort und in seiner direkten Nähe. Bux rekonstruierte, dass der Ermordete, nachdem er an der Türschwelle seine erste Schussverletzung zugefügt bekam, etwa zwei Meter ins Haus zurückwich, wo er zu Boden ging. Insgesamt trafen ihn sechs Schüsse. „Ein Kampfgeschehen würde ich ausschließen, dafür gibt es zu wenige Schleuderspuren“, erläuterte der Rechtsmediziner. Verteidiger Christoph Lang wollte wissen, ob ein Täter, der aus einer so geringen Entfernung von etwa eineinhalb Metern schoss, nicht ebenfalls vom Blut seines Opfers habe bespritzt werden müssen. Doch auch das hielt Bux für sehr unwahrscheinlich.

Blut von Petra Toll wurde nur im Bereich ihrer Leiche gefunden – im Bett des Elternschlafzimmers. Die Spur wies keinerlei Dynamik auf, was darauf hindeute, dass sie sich nicht bewegt, also wohl noch geschlafen habe. In dem Bett fand man auch leichte Kontaktspuren vom Blut der Tochter Astrid. Folglich muss sie bei ihrer toten Mutter gewesen sein, als sie selbst schon schwer verletzt war.

Jegliche Blutspuren, die an allen anderen Stellen im Haus gefunden worden, sind von Astrid. Eine immense Menge, die wiederum Bux ins Staunen versetzt: „Wüsste ich nicht, dass sie überlebt hat, würde ich allein anhand der Spuren in ihrem Zimmer vermuten, dass sie verblutet sein muss.“ Astrids Bett war aufgrund der beiden Kopfschüsse durchtränkt von Blut. Auch auf dem Fußboden vor dem Bett war eine enorme Lache, ebenso wie auf einer Treppenstufe, über die sie sich gebeugt haben muss. Auch Ausatem- beziehungsweise Aushustspuren waren in Astrids Zimmer zu finden – Bluttropfen mit Speichel versetzt, bedingt durch ihre Kieferverletzung. Es grenze an ein Wunder, dass Astrid nach solchen Verletzungen noch so viel Handlungsfähigkeit besessen habe, dass sie durchs Haus wanderte – Mehrzeitigkeit konnte an einigen Blutspuren festgestellt werden –, und sogar anfing, Blut aufzuwischen, was anhand mehrerer stark verdünnter Blutspuren vor allem im ersten Stockwerk rekonstruiert werden konnte. Insgesamt fand der Experte am Tatort über 490 Einzelspuren.

Zwei Gutachter zeigten im folgenden Verhandlungsteil anhand von Körperschemata auf, an welchen Körperstellen konkret Klaus Tolls Schussverletzungen erlitten hat, was aber zu keinen wesentlichen neuen Erkenntnissen führte.

Quelle: op-online.de

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