Diktat der Langsamkeit

Theater-AG zeigt Tragik-Komödie „Sein letztes Rennen“

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Sein letztes Rennen: Annika Heim (Mitte) spielt einen Senior, der mit einem Marathonlauf das Denken in den Köpfen der Gesellschaft verändern will.

Babenhausen - In die Rolle von Senioren schlüpfen heute Abend Schüler des Bachgau-Gymnasiums, wenn sie das Stück „Sein letztes Rennen“ auf die Bühne der Aula bringen. Von Michael Just 

Beim Theater wird es immer dann spannend, wenn junge Menschen Senioren spielen. Auch mit reichlich Schminke und künstlichen Falten bleibt die Sache eine Herausforderung:. „In den letzten Wochen habe ich die Erfahrung gemacht, dass sich die Schüler viel zu schnell bewegen“, sagt Michael Gremler, der auf dem Bachgau-Gymnasium die Theater-AG leitet. Trotz seinem Diktat der Langsamkeit hat sich das bis wenige Tage vor dem Auftritt nicht zu seiner vollständigen Zufriedenheit verändert: „Nicht nur bei den Bühnenabgängen – viele Bewegungen gehen mir einfach immer noch zu schnell“, merkt er an.

Das neueste Stück der Oberstufenschüler, das heute Abend vor Beginn des Schulfestes um 18 Uhr in der Aula zur Aufführung kommt, spielt zu weiten Teilen im Seniorenheim. So sieht es der Film „Sein letztes Rennen“ vor, den die Jungschauspieler auf die Bühne bringen. Im Originalstreifen spielt Hauptdarsteller Dieter Hallervorden einen ehemaligen, sehr erfolgreichen Marathonläufer, der im Alter von seiner Tochter ins Seniorenheim abgeschoben wird. Verbunden mit der Frage, ob es das jetzt gewesen sein soll, fängt er wieder an zu trainieren. Anfänglich wird Paul für verrückt gehalten, doch mit jeder absolvierten Runde steigt die Begeisterung. Mit unbändigem Willen vermittelt er seine Botschaft, dass das Leben im Alter nicht vorbei ist.

„Wir haben zuerst beim Regisseur für die Rechte angefragt. Der verwies uns auf die Produktionsfirma, die uns dann das Drehbuch geschickt hat“, berichtet Gremler. Das sei bemerkenswerterweise kostenfrei geschehen, da es sich um eine Schulaufführung handelt. Danach machte sich der Pädagoge daran, das Buch in eine bühnentaugliche Fassung zu bringen. „Das war nicht ganz so einfach, schließlich spielt der Film an unzähligen Orten“, weiß Gremler. Er reduzierte das Geschehen auf vier Plätze, was auf der Bühne vier Umbauten bedeutet. Die Szene im Stadion wird mittels eines Beamers samt Geräuscheinblendungen unterstützt. Für die Dialoge in Pauls Haus oder im Altenheim bedurfte es Möbel und Requisiten, wie sie unabdingbar zum Haushalt eines älteren Menschen gehören. „Hier hat uns das Kollegium mit allerlei Erbstücken unterstützt“, führt Gremler dankbar im Namen der Bühnenbild-AG an.

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Als Schauspieler konnte der Pädagoge die große Zahl von 18 Schülern aus sämtlichen Jahrgängen der Schule gewinnen. Obwohl darunter auch Jungs sind, sah er das größte Potenzial zum Ausfüllen der Hauptrolle in einer Schülerin. So schlüpft Annika Heim in die Rolle des Paul. Im Januar liefen die Vorbereitungen und Probetage an. Währenddessen wurde der Leiter der Theater AG immer wieder gefragt, warum er ausgerechnet ein Stück wählte, in dem das Gros der jungen Mimen silbernen Haarlack auftragen muss. Michael Gremler hat dafür gleich mehrere Erklärungen. „Wer kümmert sich um die Alten? Das ist eine Frage und ein Problem, das unsere Gesellschaft momentan und in Zukunft beschäftigt“, sagt er. Ergänzend verfüge der Film und das Bühnenstück über eine Reihe weiterer sinnhafter Botschaften. Dazu zähle der Umgang mit Verlusten oder das Stemmen gegen gesellschaftliche Normen, zu denen auch das Abschieben älterer Menschen gehört. „Paul wehrt sich unter großen körperlichen Schmerzen, was die Sache umso nachdenklicher macht“, erläutert Gremler. Für heute Abend kündigt er eine Tragik-Komödie an. Wie es ich für gute Theatermacher gehört, liegt der Schwerpunkt mehr auf dem tragischen Element.

Gespielt wird bei freiem Eintritt zweimal 45 Minuten. Dazwischen ist eine Pause. Setzen die Schüler konsequent die Langsamkeit des Körpers im Alter um, könnte auch noch ein paar Momente länger gespielt werden.

Quelle: op-online.de

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