Population hat stark zugenommen

Gespräch mit Förster Schmalenberg: Immer mehr Wildschweine

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Im Interview: Förster Thomas Schmalenberg vom Forstamt Dieburg. Bei ihm kann man nur ganze Wildschweine kaufen.

Babenhausen - Die Schwarzwildpopulation hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Mittlerweile muss Hessen Forst durch verstärkte Jagd für einen natürlichen Bestand sorgen.

Unser Mitarbeiter Michael Just hat sich mit Förster Thomas Schmalenberg vom Forstamt Dieburg, das auch für Babenhausen zuständig ist, über die derzeitige Situation unterhalten. Von wo bis wo reicht der Staatswald des Forstamtes? Und in welchen Ecken gibt es besonders viele Wildschweine? Unser Bereich geht von Harreshausen bis Groß-Bieberau und von Schaafheim bis Messel. Vor allem die ehemaligen Gersprenzauen sind wegen ihrer nährstoffreichen Böden bei den Tieren beliebt. Dort finden sie Ruhe, Wasser und Futter. Die allermeisten Wildschweine treten derzeit um Dieburg und Groß-Umstadt auf.

Wie sieht die Situation in Babenhausen aus?

Der Buchenbestand, der mit seinen Bucheckern eine wichtige Nahrungsgrundlage für die Wildschweine darstellt, ist in Babenhausen nicht so hoch. So entspricht auch die Zahl der Tiere der Norm.

Wie sieht es derzeit generell mit dem Futterangebot für Wildschweine aus?

Die Bedingungen sind optimal. Dafür gibt zwei Hauptgründe: Die Landwirtschaft wird mit ihrem Mais-, Weizen-, Gerste- und Haferanbau heute weitaus intensiver als früher betrieben. Dazu haben die Jahre zugenommen, in denen Laubbäume wie Buche und Eiche besonders viele Früchte abwerfen. Traten früher sogenannte Buchen- und Eichelmasten alle zehn Jahre auf, hat sich das, vermutlich klimatisch bedingt, extrem verkürzt. Bucheckern sind sehr eiweißreich und stellen viel Energie zur Verfügung.

Wie rasant kann die Vermehrung bei Wildschweinen erfolgen?

Bei geringem Futterangebot bekommt eine Bache ein bis zwei Junge, bei sehr guten Bedingungen sechs bis acht. Letzteres kann den Bestand in einem Jahr auf 600 Prozent erhöhen. Durch eine optimale Energiezufuhr sind die Jungen meist schon im ersten Jahr geschlechtsreif. Das ist fast ein Turbo, der da läuft.

Wie es heißt, sei die Sache in manchen Kommunen schon aus dem Ruder gelaufen.

Nicht nur in Darmstadt sind Wildschweine schon in der Stadt gesehen worden. Auch in Messel sind Fälle bekannt, wo die Tiere wenig Angst haben, etwa vor den Menschen, die zum Bahnhof am Ortsrand laufen. Darmstadt hat bereits einen Forstwirtschaftsmeister, der Probleme mit Wildschweinen in der Stadt regelt.

Sie halten mit den Reduktionsjagden entgegen.

Wir hatten im November und Dezember zwei große Bewegungsjagden. Dabei hatten wir im Wald bei Dieburg und in Groß-Umstadt 110 Wildschweine geschossen. Das war die Hälfte unserer jährlichen Schwarzwildstrecke. Die Bewegungsjagden finden tagsüber mit Hunden, Treibern und 25 bis 40 Schützen statt. Das bringt unter dem Strich mehr, als die einzelnen, gelegentlichen Abschüsse während des Jahres.

Bei dieser Jagd geht es nicht nur ums natürliche Gleichgewicht. Die Zerstörungen der Tiere in der Landwirtschaft sind kostspielig.

Den Schaden des Schwarzwilds in der Landwirtschaft bezahlt der Eigentümer des dortigen Jagdrechts beziehungsweise der Pächter. Das kann teuer werden. Deshalb sind die Wildbestände so zu halten, dass eine ordnungsgemäße Forst- und Landwirtschaft möglich ist.

Ist es richtig, dass derzeit keine Bleimunition mehr verschossen wird?

Das ist durch unsere Zertifizierung verboten. Danach verfahren schon die Hälfte aller hessischen Forstämter. Und auch die anderen staatlichen Betriebe bei Hessen Forst schießen fast alle bleifrei. Stattdessen kommen Kupfer- oder Messinglegierungen zum Einsatz. Auch Zinn ist darunter. Von einem Zinnteller kann man bekanntermaßen ungiftig essen, während das bei einem Bleiteller nicht der Fall ist. Früher hatte man sich darüber nicht so viele Gedanken gemacht, dass die Bleimunition beim Auftreffen zerplatzt und sich im Fleisch verteilt.

Pflanzen und Tiere: Aus dem Wald in die eigene Küche

Wildschweinbratwürste gibt es immer öfter. Wie läuft die Verarbeitung und der Vertrieb?

Das Forstamt selbst verarbeitet Wild nicht. Wir verkaufen das Wild komplett im Fell, zum Beispiel an Metzgereien, Wildhändler oder Privatkunden. Die Abnahme wird meist schon vor dem Abschuss geregelt. Hier beim Forstamt Dieburg wird generell nichts verarbeitet, da wir keine Metzgerei oder Kühlhäuser haben. Auch verkauft das Forstamt keine Bratwürste in Eigenregie. Dass es Wildschweinbratwürste beim Silvesterlauf in Babenhausen gab, hatte ich mit einer Metzgerei arrangiert.

Es gibt auch auch diverse Waldläden?

Hessen Forst hat vier Waldläden in Waldeck, Hanau-Wolfgang, Lampertheim und Wiesbaden. Hier wird mit einem Metzger zusammengearbeitet. In Dieburg ist nur der Erwerb ganzer Tiere möglich.

Was kostet ein ganzes Wildschwein bei Ihnen?

Ein Wildschwein im Fell kostet derzeit etwa drei Euro pro Kilo. Bei einem durchschnittlichen Größe von 40 Kilo sind das 120 Euro. Zieht man Fell und Knochen ab, was die Hälfte des Gewichts ausmacht, bleiben sechs Euro je Kilo Fleisch. Das ist nicht teuer. Dazu ist das Fleisch im Gegensatz zum Zuchtschwein völlig unbelastet, etwa was Antibiotika angeht.

Haben Sie bei der Zahl der Wildschweine auch schon andere Zeiten erlebt?

Ich weiß noch, dass Wildschweine vor Jahrzehnten bei meinem Opa im Odenwald eine Seltenheit waren. Da galt es noch als ein Wunder, ein Wildschwein erlegt zu haben. Diese Zeiten sind vorbei.

Quelle: op-online.de

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