Mit Zeckenzange und Skalpell

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Noch etwas verschlafen blickt Bearded Collie Scott nach der Narkose drein. Dr. Stephanie Gehb ist froh, dass die Operation gut verlaufen ist.

Babenhausen - Mit gerade einmal achteinhalb Wochen kam Scott zu seinem Frauchen nach Babenhausen, seitdem ist der mittlerweile elfjährige Bearded Collie nicht mehr von ihrer Seite gewichen. Von Corinna Hiss 

Doch gerade in seinen schwersten Stunden kann sie nicht für ihn da sein: Der Operationsraum in der Arztpraxis von Stephanie Gehb ist für die Tierbesitzer Sperrzone. Zu sehr schmerzen würde sie der Anblick ihres geliebten Freundes, der in Narkose schlaff und hilflos auf die rettenden Hände der Tierärztin angewiesen ist. Scotts Besuch bei Stephanie Gehb ist von ernster Natur. Kastrationen gehören zum Routinealltag der Babenhäuser Ärztin, die Operation, der sich Scott unterziehen muss, ist aber komplizierter und gefährlicher. Scott leidet an bösartigem Krebs – das jedenfalls ist die Diagnose, die die Punktierung aus einem kirschgroßen Tumor an seinem linken Hinterbein ergeben hat. „Beim Kraulen habe ich zum ersten Mal diesen großen Hubbel gespürt“, erzählt sein Frauchen, das mit ihm im Wartezimmer sitzt und ihm beruhigend über den Rücken streicht. Damit die Krebszellen sich nicht weiter ausbreiten, muss sie schnell handeln: Der Tumor soll raus geschnitten werden.

Obwohl Scott merkt, dass irgendetwas auf ihn zukommt, ist er ruhig. „Der Gemütszustand des Besitzers ist entscheidend dafür, wie das Tier sich vor der Operation verhält“, erklärt Stephanie Gehb hinterher. Am Abend zuvor hat Scott bereits kein Futter mehr bekommen, durch den Krebstumor hat er die vergangenen Wochen auch abgenommen. „Wenn alles vorbei ist, kriegst du wieder zu fressen“, flüstert sein Frauchen ihm zu, bevor sie ihn Stephanie Gehb übergibt. Im Behandlungsraum ist Isabelle Seibert für die OP-Vorbereitungen zuständig. Routiniert legt die Arzthelferin den Venenkatheter am Vorderbein. Scott zuckt kurz zusammen und gibt einen jammernden Laut von sich, dann sitzt die Kanüle bereits. Als Stephanie Gehb das Narkosemittel injiziert, versagen Sekunden später Scotts Beine. Langsam sinkt er auf dem Behandlungstisch zusammen, seine Augen blicken ins Leere. Isabelle Seibert muss zunächst das Bein von Scott großzügig rasieren. Bearded Collies haben ein dichtes, langes Fell und die Ärztin braucht eine glatte Rasur zum Operieren.

Volle Konzentration: Im OP-Raum gilt alle Aufmerksamkeit von Stephanie Gehb dem Tier.

Im OP-Raum riecht es nach Desinfektionsmittel, es herrscht keine Hektik, nur das monotone Piepen des Pulsoxymeters ist zu hören, der die Sauerstoffzufuhr von Scott misst. Der Hund wird mit einem grünen Laken zugedeckt, die Stelle, an der sich der Tumor befindet, bleibt aber sichtbar. Jetzt, wo Scotts Bein rasiert ist, ragt das Geschwür deutlich aus seinem schlanken Bein. Mit einem kleinen Skalpell setzt Stephanie Gehb den ersten Schnitt an. Sofort öffnet sich die Haut, Blut quillt hervor, das die Ärztin geschwind zu stillen vermag. Um den Tumor herum werden zwei Schnitte in der Form eines V gemacht. Es dauert keine zehn Minuten, da hat Stephanie Gehb den Krebs entfernt – wie ein Fremdkörper liegt er nun neben den vielen Scheren und Operationsgeräten. Später soll er eingeschickt werden, um weitere Hinweise auf den Krankheitszustand von Scott zu geben. Wesentlich länger als für das Herausschneiden braucht Stephanie Gehb dafür, die Wunde wieder sorgfältig zu schließen. Scott soll eine schöne Narbe bekommen, auch wenn sie durch das nachgewachsene Fell fast nicht mehr sichtbar sein wird.

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Während Stephanie Gehb konzentriert mit Nadel und Faden die zwei Schnitte Stück für Stück miteinander verbindet und so die offene Wunde schließt, lässt Isabelle Seibert den Hund keine Sekunde aus den Augen. Sie schaut, ob er genug Sauerstoff bekommt und ob sein Puls gemächlich geht. 15 kleine Knoten ragen nach gut einer Stunde aus dem zirka fünf Zentimeter langen Schnitt heraus. Scott wird am gleichen Tag bereits wieder laufen können, die Fäden sollen zehn Tage später gezogen werden. Von all dem hat der alte Bearded Collie nichts mitbekommen. Als die Narkose nachlässt, fängt er langsam an zu blinzeln.

Quelle: op-online.de

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