Ort der traurigen Erinnerungen

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Hautnah Geschichte erleben: Helmut Schroth zeigt 18 Schülern, wo er vor über 60 Jahren einen Bombenangriff überlebte.

Babenhausen - Die Bombe schoss durch das Dach, schlug in den Bunker ein. 19 Menschen verloren an Heilig Abend des Jahres 1944 ihr Leben. Männer, Frauen, Kinder - Familien wurden auseinandergerissen, eine sogar komplett ausgelöscht. Von Domenico Sciurti

Es ist ein Stück Babenhäuser Geschichte, ein Stück Babenhäuser Realität. Über 60 Jahre danach hören am Ort des Geschehens, im Kellergewölbe am Breschturm, 18 Schüler des zehnten Jahrgangs der Offenen Schulen aufmerksam Helmut Schroth zu. Er hat sich mit diesem Ereignis gründlich auseinandergesetzt, denn er selbst war dabei gewesen – als eineinhalb Jahre altes Kind. Schwer verletzt überlebten er und seine Mutter den Angriff amerikanischer Bombenflieger.

Auch Manfred Willand ist an diesem Tag zur Begehung gekommen. Wie Schroth ist auch er gebürtiger Babenhäuser und wie Schroth hat auch er einen persönlichen Bezug zu dem Gewölbe am Breschturm. Während die Mutter Schroths mit einem Lungenschuss und einem Granatensplitter im Oberschenkel davon kam, hat es die Tante von Willand nicht geschafft.

„Erst am Morgen kam ihr Ehemann vom Militärdienst zurück“, weiß Willand aus den Überlieferungen seiner Familie zu berichten, „um Weihnachten zuhause zu verbringen.“ Um 10 Uhr erreichte der Soldat Babenhausen. Während Willand den lauschenden Jugendlichen seine Geschichte erzählt, senkt sich seine Stimme. Dann ergänzt er: „Um 14 Uhr war die Familie Hofmeister nicht mehr.“ Willands Tante, ihr Ehemann und das gemeinsame, zwei Jahre alte Kind starben an diesem Tag.

„Ich möchte, dass ihr erkennt, wie sinnlos der Krieg ist“, sagt Schroth zu den Schülern. Es sei eine „bitterarme Zeit“ gewesen, bekräftigt er, als könne er allein durch seine Worte die Wiederholung eines solchen Ereignisses verhindern. Er erinnert sich, dass er immer Hunger gehabt hat. Wenn es was zu essen gab, dann seien es Kartoffeln und vielleicht etwas Brot gewesen. „Wenn ich sehe, wie heute konsumiert wird....“. Er blickt in die Runde. „Da bin ich dagegen“, schließt er ab.

Vorbereitung für Gedenk-Veranstaltung

„Krieg ist für mich Vergangenheit“, sagt Marco Harbusch. Der 16-Jährige verbindet aber gleichzeitig auch Schmerz und Trauer damit. Ein Onkel habe damals ein Bein verloren, erzählt er. „Es ist gut, dass gerade der Menschen gedacht wird, die ihr Leben gelassen haben - für nichts.“

Die 15-jährige Jeanette Kaiser ist beeindruckt von dem Treffen am Breschturm. „Man kann den beiden Herren ansehen, dass ihnen dieser Ort wichtig ist“, sagt sie. Immer wieder habe sie zwar was über den Krieg gelesen, doch es sei etwas anderes, das so hautnah zu erleben. „Wie schlimm der Krieg ist, wird einem so erst richtig klar“, ergänzt sie.

Die Begehung des Gewölbes ist Teil der Vorbereitung für eine Gedenk-Veranstaltung am kommenden Sonntag, 13. November. Nach dem Gottesdienst in der evangelischen Stadtkirche werden die Schüler in der Friedhofshalle verschiedene Beiträge präsentieren, in denen sie über die persönliche Auseinandersetzung mit dem Thema Krieg sprechen, oder von Kriegsopfern aus Babenhausen, einzelne Personen und Familien, erzählen. „Die Schüler sollen lernen, mit dem Thema Krieg umzugehen“, erklärt Religionslehrerin und Schul-Pfarrerin Ruth Selzer-Breuninger. „So lernen sie Toleranz und verstehen, wie wichtig ein friedvolles Zusammenleben mit anderen Menschen ist.“

Die neue Generation soll also aus den Fehlern der Vergangenheit lernen, ohne dass sie selbst solche Erfahrungen machen muss. Ihre Empathie zeigt sie indes, indem sie den Gefallenen Respekt zollt. Zu einer Schweigeminute bittet die Lehrerin dafür. Dann wird es still im Gewölbe – unheimlich still.

Quelle: op-online.de

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