Turnverein im Wandel der Zeit

+
Eines der ältesten Bilder im TV-Archiv: 1906 nahmen Babenhäuser Turner Aufstellung vor dem Deutschen Hof. Der Main-Spessart-Gau hatte zuvor in Babenhausen sein erstes Turngaufest veranstaltet. Auffällig sind die Siegerkränze an den Hüten.

Babenhausen - „Du bist so steif wie ein Kartoffelsack.“ Wenn der Vorsitzende des Turnvereins Babenhausen (TVB), Bert Bernhardt, die alten Unterlagen und Protokolle wälzt, findet er immer was zum Schmunzeln. Von Michael Just

Dass dabei die Annalen reichlich sind, versteht sich von selbst: Am kommenden Montag (3. ) kann der Verein auf 120 Jahre und damit ein großes Jubiläum blicken. Zum Mitfeiern sind alle Babenhäuser in die Stadthalle eingeladen.

Besonders stolz ist der TVB-Vorstand, dass ihm das Original-Gründungsprotokoll vom 3. Oktober 1891 vorliegt. Damals wurde der Verein im „Gasthaus zum Engel“ von 35 Personen ins Leben gerufen. Erster Vorsitzender war Johann Nikolaus Beck, der „Säckelwart“ und damit der Rechner Wilhelm Grünewald. Für den Beitrag wurde eine wöchentliche Einlage von zehn Pfennig festgesetzt. Wie Bernhardt bedauert, sind viele Protokolle auch danach auf altdeutsch und für junge Menschen kaum lesbar. Mittlerweile habe man aber Übersetzungen anfertigen lassen, um den Zugang zu der damaligen Zeit zu finden.

Protokolle geben Auskunft aus zwölf Jahrzehnten

Lückenlos geben alle TVB-Vorstandsprotokolle aus zwölf Jahrzehnten Auskunft über den ältesten Verein der Stadt. Heiteres wechselt sich mit Tragischem ab. Zu letzterem gehört die Kriegszeit: So wird 1942 vermeldet, dass Kassenwart und Schriftführer „zu den Fahnen“ und damit an die Front mussten. Das ging mit der Gleichschaltung und der Enteignung des TVB einher. Der vergaß seine Mitglieder nicht: Jedes Jahr an Weihnachten ging ein Päckchen an die Kameraden an der Front. Wenn Bernhardt heute in der Geschichte des TVB blättert, kommt ihm vor allem eines in den Sinn: „Es gab immer jemand, der sich bei uns eingebracht hat - selbst in den Kriegsjahren. Das beweist, dass eine Tradition nur fortleben kann, wenn sich jemand engagiert.“

Von damals bis heute zählte der TVB 21 Vorsitzende. 1988 fand die Umstellung auf mehrere gleichberechtigte erste Vorsitzende statt. Der Verein war einfach zu groß geworden. Erhard Teuchner mahnte diese Umstrukturierung an, aus der Mia Weitzel, Ute Teuchner und Johannes Kieser 1988 als neue Spitze resultierten. Heute haben den Posten Amelie Kley, Bert Bernhardt und immer noch Ute Teuchner inne.

16 Abteilungen und 1 800 Mitglieder

Derzeit schaut das Trio auf über 80 bezahlte Trainer. Geld floss die meiste Zeit in der Vereinsgeschichte nicht, da anno dazumal jegliches Engagement noch zu hundert Prozent reines Ehrenamt war. Die Entwicklung hin zu Aufwandsentschädigungen sieht Bernhardt als natürlichen Prozess der Gegenwart: „Heute müssen alle Trainer, vor allem im Reha- und Fitnessbereich, bereit sein, sich ausbilden zu lassen.“ Ohne Schein werde heute niemand mehr auf eine Gruppe losgelassen. Dafür zeige sich der Verein bereit, die Ausbildung und die Trainertätigkeit zu bezahlen, die in beiden Fällen nicht selten mit Belastungen verbunden sei.

Heute hat der TVB 16 Abteilungen und 1 800 Mitglieder. 750 davon sind unter 18 Jahren (40 Prozent), 300 über 60 (17 Prozent). Die Mitgliederzahlen zeigten sich in der jüngsten Zeit als stabil. Derzeit gehen traditionelle Sportarten wie Volleyball zurück, im Aufschwung sind Fitness, Herzsport, der Reha-Bereich oder die Rücken- und Wirbelsäulengymnastik. Diesem Trend, der nicht zuletzt ein Wandel zur immer älter werdenden Gesellschaft spiegelt, will der TVB verstärkt in seiner neuen Halle gerecht werden. Deren Sanierung hat sich von Frühjahr auf November 2011 verschoben. Der Grund: Statt die Aufträge einzeln zu vergeben, packt nun ein Generalunternehmer das 1,4 Millionen teure Projekt an. Das soll mehr Planungssicherheit und kürzere Zeitfenster bringen.

Festprogramm mit Ehrungen

Am Montag wird aber erstmal groß gefeiert. Böllerschüsse wurden von der Stadtverwaltung nicht genehmigt, ein Feuerwerk erwies sich als zu teuer. Dafür wird der Vorstand in historischer Kluft aus der Jahrhundertwende erscheinen. Ab 15 Uhr gibt es eine Foto-Video-Chronik zu bewundern, ab 16 Uhr startet das Festprogramm mit Ehrungen und Vorführungen. Nicht nur die Sportakrobaten werden dann beweisen, dass „steife Kartoffelsäcke“ beim TVB ein Fremdwort sind.

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare