Mit Tusnelda Kirche verhüllt

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Die Kinder verhüllten die Harpertshäuser Ortskirche mit einem Riesengemälde - natürlich nicht die echte, sondern ein naturgtreues Abbild aus Styropor von 1970.

Harpertshausen - „Kunst ist Leben, und Leben findet nur in Gemeinschaft statt.“ Seiner Ansicht ist der österreichische Künstler Jan Bürli gemeinsam mit seiner Frau Monika Schlössinger beim dritten Kinderfest der Kunst am Wasserhäuschen gerecht geworden. Von Ellen Jöckel

Trotz herbstlich anmutendem Wetter fanden sich am Sonntagnachmittag zahlreiche Kinder und Erwachsene beim Wasserhäuschen am Ortsrand ein.

In diesem Jahr hatten sich die beiden Künstler etwas ganz besonderes ausgedacht: Auf einer 30 Meter langen Stoffbahn konnten sich die Kinder kreativ austoben. „Malt die Welt freier als die Religionen und die Politik“, forderte sie das Einhorn Tusnelda auf, gespielt von Monika Schlössinger. Kunstpädagogin Annemarie Gaebel unterstützte die kleinen Künstler bei der Malaktion. Im Anschluss wurde die Harpertshäuser Ortskirche mit dem Riesengemälde verhüllt - allerdings nicht die echte, sondern ein etwa zwei Meter hohes und drei Meter langes Modell. Dieses naturgetreue Abbild aus Styropor sei 1970 vom Verein „Schluckspechte“ für den Kirchtag gefertigt worden und habe dann jahrelang in Ställen gestanden. Bevor es vernichtet worden wäre, hatten sich Bürli und Schlössinger dem angenommen. „Das Modell war schon von Elstern leicht demoliert“, erläuterte Bürli.

Die Verhüllung der Kirche sollte an den 20. Geburtstag der Kinderrechte erinnern. Doch es stellt mehr als das dar: „Kinder werden geboren, ohne dass sie irgendetwas über Religionen oder Kirche wissen“, erklärt der Wahl-Harpertshäuser. Die Verhüllung symbolisiere eine Konzentration auf das Innere, auf das Wesentliche, was allen Religionen gemein ist. Auf einem Plakat von Jan Bürli, das nach der Verhüllung an die Kirche gehängt wurde, steht geschrieben: „Wir dürfen unsere schmalen Grenzen verlassen, damit Christus, Buddha und Mohammed endlich eins sein können.“ Nun bleibt die verhüllte Kirche neben dem Wasserhäuschen stehen. Bedenken, dass das Kunstwerk vom Wetter zerstört werden könne, hat der Künstler nicht: „Vom Unvergänglichkeitsdrang in der Kunst halte ich nichts“, meint Bürli.

Künstler Jan Bürli zeigt einem Mädchen, wie sie die 30 Meter lange Stoffbahn mit Pinsel und Farbe verschönern kann.

Umrahmt wurde das Kunst-Happening am Wasserhäuschen von der Folk-Band Can-Gurus, die dem Fest mit ihrer heiteren Musik mit australischen, karibischen und afrikanischen Einflüssen ein ausgelassenes Flair verlieh. Zwischendurch las die österreichische Schauspielerin und Sängerin Katja Onida, eine Freundin des Künstlerpaares, Texte des indischen Philosophen und Literaturnobelpreisträgers Rabindranath Tagore. „Tagore war stark beeinflusst von dem polnischen Arzt und Pädagogen Janusz Korczak, dem Urheber der Kinderrechte“, erklärte Onida.
Im Wasserhäuschen hängt die Kinderrechte-Konvention aus - für jeden kurz und verständlich ausgedrückt. Onida und Bürli sind sich einig, dass ihre Botschaft bei den Erwachsenen ankommt. „Wenn wir die Eltern damit ansprechen, erreichen wir damit auch die Kinderherzen“, meint der Künstler.

Sich für Kinder Zeit nehmen und zuhören

Die Sympathie der Kinder hat Bürli offensichtlich auf seiner Seite. Ungehemmt kamen sie auf ihn zu und sprachen den Kunst-Pädagogen vertraut mit „Volker“ an, wie er mit bürgerlichem Namen heißt. Überall durften die kleinen Besucher herumtollen und die Pferde, das Lama und den Esel streicheln. „Wenn Kinder Tiere streicheln, ist es, als streichelten sie sich selbst“, sagte der engagierte 44-Jährige. Er sei für die Kinder da, höre ihnen zu und nehme sich Zeit.

Seit der Kindergarten vor einem Jahr geschlossen wurde, ist das Wasserhäuschen für die Harpertshäuser Kinder und auch für die Jugendlichen zu einem Treffpunkt geworden. „Hier können sie ihre Ideen einbringen, Geburtstage feiern oder kreativ sein“, so Bürli.

Enttäuscht ist er von der Stadt Babenhausen. Von dem ihm versprochenen Betrag als Zuschuss für das Fest sei nur ein geringer Teil übrig geblieben. Bürgermeisterin Gabi Coutandin habe sich zwar für das Projekt stark gemacht, sich aber letztendlich im Parlament nicht durchsetzen können. „Wir werden kein neues Projekt mehr einreichen, bis sich die Stadt bei uns entschuldigt hat“, sagt Jan Bürli entschieden. Festbesucherin Coutandin hält das Kinder-Kunst-Fest für wichtig, da es einen Gegenpol zu den konsumorientierten Veranstaltungen darstelle. „Hier ist es wie in einer anderen Welt, in der Zeit keine Rolle spielt. Ein Ort für die Entfaltung von Kreativität und Phantasie“, äußerte sich die Bürgermeisterin.

Quelle: op-online.de

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