Unvergängliche Dramatik in h-Moll

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Der Darmstädter Konzertchor unter der Leitung von Wolfgang Seeliger, er gehört zu den bekanntesten Chören Deutschlands, gastierte in Babenhausen.

Babenhausen ‐ „Stau in der Kirche? Das ist doch sonst eher selten“ lacht die Frau am Freitag Abend in ihrem langen, schwarzen Mantel, während sie mit fünf weiteren Menschen vor der kleinen Kasse steht, die im Windfang gleich hinter Haupteingang der Stadtkirche aufgebaut ist. Von Michael Just

Fast 50 Minuten sind es noch bis zum Beginn des Weihnachtskonzert des Darmstädter Konzertchors, der in diesem Jahr die „Messe h-Moll“ von Johann Sebastian Bach angekündigt hat. Da der Andrang jedes Jahr gewaltig ist, lohnt sich ein frühzeitiges Erscheinen für jene, die keine Karte im Vorverkauf erworben haben.

Während an der Kasse nach Kategorie I oder II gefragt wird, singen sich die Sänger auf den erhöhten Aufbauten im Altarbereich warm – und das bereits seit 17 Uhr. „Die Stimmbänder sind Muskeln, die man wie beim Sport warm machen muss. Wer locker ist, kann auch gut singen“, weiß Konzertchor-Pressereferent Steffen Meder. In diesem Jahr können er und die Darmstädter Sänger ein großes Jubiläum verbuchen: Zum 25. Mal ist man mit dem großen Weihnachtskonzert, das Besucher aus ganz Südhessen lockt, in Babenhausen zu Gast.

Am Freitag erreichte der Zuspruch mit rund 200 Besuchern - rund 300 haben in der Stadtkirche Platz - aber nicht ganz die Resonanz vergangener Jahre. Schneetief „Petra“ dürfte der Grund gewesen sein, dass viele auf das einem gesellschaftlichen Ereignis gleichkommende Konzert verzichteten, bei dem in der Regel nur wenige Babenhäuser Gesichter in der Stadtkirche zu entdecken sind.

Geschehnisse in Bethlehem und Heilsgeschichte

Der Darmstädter Konzertchor unter der Leitung von Wolfgang Seeliger gehört zu den bekanntesten Chören Deutschlands. Er gastierte bereits in nahezu alle bedeutenden europäischen Konzertsälen und wurde zu Tourneen in die USA, nach Israel, Japan und Korea eingeladen. In der Gersprenzstadt erlebt die vierteilige Weihnachtskonzertreihe in der historischen Stadtkirche jedes Jahr ihren Auftakt, bevor es nach Amorbach, in die Darmstädter Pauluskirche und einen weiteren flexibel gehandhabten Ort geht. Wie im letzten Jahr widmete sich der Chor, der von der Darmstädter Hofkapelle begleitet wurde, einem Werk von Johann Sebastian Bach. Nach dem Weihnachtsoratorium 2009 folgte nun die Messkomposition und damit ein Stück „Königsklasse“ der Chormusik. Zunächst verwundert das Werk, weil es sich nicht spezifisch auf Christi Geburt bezieht. Doch sowohl im Gloria als auch im Credo fehlt natürlich nicht der Verweis auf die Geschehnisse in Bethlehem und damit den Anfang der Heilsgeschichte.

Die Messe h-Moll gehört „zu den größten musikalischen Kunstwerken aller Zeiten und Völker gehört“, so ein Zitat aus dem Jahre 1818. Der damalige Vorwurf des überkritischen Komponisten Bach an seine damaligen Musiker „ich habe zu wenige. Und die, die ich habe, taugen nichts!“, ließ sich 250 Jahre später nicht aufrecht erhalten: Schon gleich beim Kyrie wurde die Klasse der rund 35 Sänger und 25 Musiker hörbar. „Das ist kein Laienchor. Sonst würde es schwierig werden, ein künstlerisch vertretbares Resultat zu erzielen“, so Meder über den Konzertchor, dessen Sänger aus dem Großraum Darmstadt kommen und den für die Weihnachtskonzerte Solisten aus Kassel, Köln oder Nürnberg unterstützen. „Alle Sänger haben eine Gesangsausbildung. Das macht es möglich, dass sie äußerst komplizierte Stücke über einen so langen Zeitraum singen können“, ergänzt Meder.

Rund zweieinhalb Stunden dauerte das Konzert, das auf beeindruckende Weise „h-moll“ - und damit eine gedämpftere, fast traurige Tonart – dem strahlenden, triumphierenden Parallelton „b-dur“ gegenüberstellte, um die Dramatik von der Geburt bis zur Auferstehung Christi zu zeigen. In der Stadtkirche vereinte sich ein unvergängliches Werk mit einer höchst professionellen Interpretation durch den Konzertchor. So versprach Meder vor dem Konzert nicht zu viel: „Das Stück macht Freude beim Zuhören und den Musikern beim Spielen. Man macht sich quasi selbst ein Geschenk, wenn man Bach aufs Programm setzt.“

Quelle: op-online.de

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