Vernissage im Rathaus

Urlaubsfotos fremder Menschen

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Das Bild mit den indischen Tänzerinnen wurde bei der Vernissage der Babenhäuser Künstlerin Gudrun J. Gottstein bewundert.

Babenhausen - Ein bisschen ist es wie bei dem Kinderspiel „stille Post“. Ein Satz von einem Ohr zum nächsten weitergegeben, verwandelt sich. Von Petra Grimm 

Niemand hört genau das, was der Sprecher in sein Ohr flüstert und gibt das vermeintlich Gesagte, das Gehörte, an das Ohr des nächsten Kindes weiter. Am Ende ist etwas ganz Neues, Unerwartetes entstanden, das oft nur noch wenig mit dem Ausgangssatz gemein hat. Wenn man das Spiel visualisiert kann man ein bisschen nachempfinden, was passiert ist, ehe die Vernissagebesucher die Bilder von Gudrun J. Gottstein am Samstag im Rathaus sehen konnten. Die Grundlage für ihre in kräftigen Farben mit schwungvollem, oft grobem Pinsel gemalten Ölgemälde sind Urlaubsfotos. Aber nicht ihre eigenen, sondern die anderer Menschen, die ihrem Aufruf während des Projekts „Mit fremden Augen“ gefolgt sind.

Anfang 2013 startete die bekannte Babenhäuserin dieses ungewöhnliche Kunstprojekt zum Mitmachen und forderte über das Internet Hobby- und Profifotografen auf, ihr Aufnahmen zu mailen, um sie in expressive Gemälde zu verwandeln. Gesucht hat sie möglichst ungestellte Aufnahmen von Menschen, Reisebilder, die Bewegung und Spontanes zeigen. „Eine Flut von Fotos, das geht in die Tausende“, so die Künstlerin, haben sie inzwischen erreicht. Etwa hundert Ölbilder sind bisher daraus entstanden. Über 20 von ihnen sind jetzt bis 4. Januar in einer Ausstellung unter dem Titel „Mehr als Meilen“ im Rathaus zu sehen.

Diese Fotos mit Motiven aus aller Welt zeigen einen vom Fotografen ausgewählten Ausschnitt der Wirklichkeit – tanzende Inderinnen, Hirten in Afrika, Straßenszenen aus New York oder Paris, Einheimische und Touristen, auch ein Fischerboot im Nahen Osten. Aber Gudrun J. Gottstein gibt sich nicht damit zufrieden, diesen vom Fotografen weitergegebenen „Ausgangssatz“ unverändert auf die Leinwand zu bannen. Sie transformiert bewusst, indem sie die fotografierten Szenen mit ihren eigenen Augen betrachtet wiedergibt. „Meine Mutter vernachlässigt oft bewusst das eigentliche Motiv, das im Vordergrund des Fotos zu sehen ist und sucht sich für ihr Bild Szenen und Figuren am Rande oder im Hintergrund“, sagte Sabine Gottstein, die Tochter der Malerin, die die Gäste durch die Ausstellung führte, die von Bürgermeisterin Gabi Coutandin eröffnet wurde.

Foto-Wettbewerb: Urlaubsbilder unserer Leser

Foto-Wettbewerb: Urlaubsbilder unserer Leser

Gelegentlich benutzt die Malerin dabei sogar eine Lupe, um ein winziges Detail, das der Fotograf wahrscheinlich gar nicht bemerkt hat, deutlich sichtbar auf ihre Leinwand zu bringen. So rückt Gottstein beispielsweise einen im Regen stehenden Mann mit Schirm ins Zentrum. Was faszinierte sie an diesem Motiv? „Das goldene Licht im Schaufenster hinter ihm“, erklärte Gudrun J. Gottstein. So wird der Anblick, den der Fotograf mit seinem Blick und der Kamera einfängt, unter ihren Augen verändert. Etwas Neues entsteht, Unerwartetes tritt nach vorne, das dem Betrachter wiederum Raum für eigene Interpretationen lässt.

„Sie sucht sich unter den eingesandten Bildern auch gerne die verwackelten, vermeintlich misslungenen Fotos aus. Denn auch die bilden bestimmte Augenblicke im Leben ab, die im gemalten Bild dann Wertschätzung erfahren“, erklärte die Tochter der Malerin. Bewegungen, Blicke und Kommunikation werden sichtbar. Nach dem Anriss mit Pastellkreide, die auf manchen Bildern ebenso wie die Leinwand noch durchscheint, geht Gottstein mit dem Pinsel kraftvoll zur Sache. Und wer in den kommenden, dunkleren Monaten in fremde, oft leuchtend bunte Welten eintauchen will, dem sei die Ausstellung empfohlen.

Quelle: op-online.de

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