Viele Infos auf kurzem Grenzgang

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Zum 33. Harpertshäuser Grenzgang brachen am Samstag rund 60 Bürger auf. Auf der verkürzten Route fehlten wie gewohnt zahlreiche Informationen zum Ort nicht.

Harpertshausen ‐ „Wollt ihr heute wirklich laufen? Es ist doch viel zu matschig“, ruft eine alte Frau mit einer Regenhaube während sie ihr Rad auf dem Bürgersteig zum kleinen Einkaufslädchen in Harpertshausen schiebt. Von Michael Just

„Wenn einer stecken bleibt werden wir ihn rausziehen“, entgegnet Wolfgang Pohl frohgestimmt aus der kleinen Menschentraube unter der Alten Eiche. Kurz zuvor war er am Samstagmorgen um kurz vor 10 Uhr der erste, der sich zum Grenzgang im Ortsmittelpunkt eingefunden hat.

Der Harpertshäuser, der im öffentlichen Dienst beschäftigt ist, will sich diesen Termin, zu dem traditionell der Ortsbeirat und die lokale Feuerwehr einladen, nicht entgehen lassen. „Ich bin hier geboren. Die Sache ist gut für die Dorfgemeinschaft“, sagt er als erstes Argument. Überdies lasse sich etwas über Veränderungen im Stadtteil erfahren. „Da gibt es Infos aus erster Hand“, fügt er wohlwissend an, dass beim Grenzgang stets Politiker aller Couleur vertreten sind – erst recht mit Blick auf die anstehende Kommunalwahl im Frühjahr. Und noch ein drittes Argument hat er parat: „Man kann ein bisschen mit den Leuten reden, die man die letzten Wochen nicht gesehen hat.“

Ersatzroute ausgearbeitet

Um kurz nach zehn Uhr ist die Handvoll Grenzgänger dann plötzlich innerhalb weniger Minuten auf 60 Köpfe angewachsen. Damit wird zwar nicht die Zahl 93 von 2010 erreicht, aber die Menge der Wanderwilligen ist aufgrund des unbeständigen Wetters alles andere als schlecht.

Schlecht sind nur die Wege, die für den Grenzgang vorgesehen waren: Die Pfade entlang der Grenzen zu Atheim, Hergershausen, Kleestadt und dem Naturschutzgebiet Aue stehen an mehreren Stellen unter Wasser.

Ortsvorsteher Kurt Kratz hatte die Wanderroute am Freitag und auch am Samstagmorgen nochmal inspiziert. Dabei blieb er sogar einmal mit dem Auto im Morast stecken. „Wir können nicht laufen“, sorgt Kratz bei seiner Begrüßung einen Moment lang für überraschte Gesichter, um kurz danach mit einem Augenzwinkern zu präzisieren: „Damit meine ich den geplanten Weg.“ Stattdessen hat er eine Ersatzroute ausgearbeitet. Die ist nicht überschwemmt und um einiges kürzer. Mit rund vier Kilometern kommt sie fast einem kleinen Spaziergang gleich.

„Wir müssen dem Wetter etwas Tribut zollen“

Für eine Änderung hat Petrus auch beim Mittagessen gesorgt: Das war mit Erbsensuppe von der Feuerwehr - wie auch die Jahre zuvor - an der Waldarbeiterhütte im Lützelforst geplant. Es findet jetzt zum Schutz vor weiteren Schauern gleich im Feuerwehrhaus statt, wo eigentlich erst der Ausklang der Wanderung mit Kaffee und Kuchen für die Grenzwanderer vorgesehen war.

„Wir müssen dem Wetter etwas Tribut zollen“, konstatiert Kratz, der aber versucht, alles andere beim mittlerweile 33. Grenzgang unverändert zu lassen. Dazu gehört, dass alle Kinder eine Neujahrsbrezel erhalten, der jüngste Wanderer (das war Timmi Seuß mit acht Jahren) herausgehoben wird oder die anwesenden Neubürger begrüßt werden. Nicht zu vergessen auch die Anerkennung für den Wanderer mit der weitesten Anreise: Das ist Guido Winkelmann aus Wiesbaden, der mit der Familie Till aus Langstadt Freunde besucht.

Unverändert bleibt auch der Einsatz von Revierförster Lothar Seipp: Unterwegs hat der viel Wissenwertes zum Babenhäuser Stadtwald mit seinen insgesamt 2 240 Hektar parat. Darunter ist auch so mancher Baum, der schon bessere Tage gesehen hat. „Das ist ein sogenannter Habitat-Baum“, sagt Seipp über einen äußerst morschen Vertreter am Wegesrand, der mit seinen vielen rindenlosen und wenigen Ästen wie ein deplatziertes Fragment wirkt. „Mit seinen vielen Hohlräumen bietet er Vogelarten wie dem Specht, aber auch Insekten einen Lebensraum“, erklärt der Förster. Laut Seipp bleiben solche Bäume erhalten sofern sie an einem Ort stehen, an dem sie nicht die Verkehrssicherheit gefährden. Dazu würden sie kartiert und bekämen eine eigene Markierung, die sie als Habitat-Baum ausweisen. Meist ist dies ein schwarzes „H“, aber auch andere individuelle Zeichen der Revierförster, wie etwa zwei grüne Ringe, sind möglich.

Am Ende des Grenzgangs in Harpertshausen haben die Wanderer zwar nur eine überschaubare Kilometer-Anzahl zurückgelegt, im Gegenzug gibt es dafür ein Vielfaches an Informationen.

Dem Hunger im Feuerwehrhaus tut dieser Sachverhalt keinen Abbruch. Dadurch, dass der Mittagstisch im Ort eingenommen wird, können auch jene Bürger die Erbsensuppe genießen, die sich zuvor nicht auf Schusters Rappen begeben haben. Mit Felix Schnur (12) und Max Seuß (11) schickte Ortsvorsteher Kurt Kratz während der Wanderung sogar noch zwei Buben mit einer Glocke durch den Stadtteil, um in Anlehnung an die Marktschreier zum Mittagstisch einzuladen.

„Viele Leute sind heute Zuhause geblieben, weil ihnen das Wetter einen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Dann sollen sie wenigstens mitessen können“, so Kratz schmunzelnd.

Quelle: op-online.de

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