„Vor Angst in die Hose gemacht“

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Die beiden Schauspieler Konrad Büttner und Karla Leisen präsentierten den Schülern das Stück „Wir sind viele“, in dem Gewalt und Mobbing eine zentrale Rolle spielen.

Babenhausen ‐ Wie der Zufall es will stehen sie sich plötzlich wieder gegenüber. Mitten im Klassenraum. Dort, wo sie vor einiger Zeit das eine oder andere Gefecht miteinander ausgetragen haben. Von Jörn Polzin

Da ist zum einen Denis-Rony Pippisch, der zum selbstgefälligen Filmproduzenten aufgestiegen ist und sich als Überflieger wähnt. Und seine ehemalige Klassenkameradin Jean Stein, die einen komplett anderen Lebensweg eingeschlagen hat und als Verkäuferin, Mutter und Ehefrau ein grundsolides Leben führt.

Beide sind die Hauptfiguren des Präventionstheaters „Transit“, das die Kinder- und Jugendförderung in Kooperation mit der Joachim-Schumann-Schule in die Bürgermeister-Willand-Straße eingeladen hatte. Im Mittelpunkt der Inszenierung mit dem Titel „Wir sind viele“ stehen Gewalt und Mobbing, zwei Themen „die immer größer werden und für die wir die Jugendlichen sensibilisieren müssen“, erklärt Sozialpädagogin Ina Hildwein von der Kinder- und Jugendförderung.

Erfahren, wie man sich als Opfer fühlt

Auch in der Joachim-Schumann-Schule hat man sich freilich mit diesem Konflikt befasst - ergänzend zum Unterrichtsplan. „Das Problem wird leider oft verdrängt, dabei müssen wir die Schüler davor schützen und mit den Opfern zusammenarbeiten“, betont Schulsozialpädagogin Renate Mertens.

Wie es sich in der Opfer-Rolle anfühlt, haben auch die beiden Figuren auf der Bühne, Denis und Jean, während ihrer Jugendzeit am eigenen Leib erfahren müssen. Allerdings auf unterschiedliche Weise. „Ich habe mir vor Angst oder Nervosität oft in die Hosen gemacht und wurde gehänselt“, berichtet Denis den Schülern der neunten und zehnten Klasse.

Jean hatte früher ganz andere Sorgen. Sie wurde regelmäßig von ihrem Vater verprügelt und hatte einen Groll auf ihre Mitschüler. Dass ausgerechnet Denis, ihre einzige Vertrauensperson, dieses Geheimnis ausplauderte, hat sie ihm bis heute nicht verziehen. Dafür rächte sich das Mädchen - auf nicht gerade zimperliche Art und Weise. Später musste sie nach einem schweren Autounfall ihre einst so hoffnungsvoll begonnene Sportlerkarriere an den Nagel hängen. All diese Geschehnisse, die beide mehr oder minder erfolgreich verdrängt haben, kommen zur Sprache und geben einen Einblick in ihr Seelenleben. „Wir haben uns beide ein dickes Fell zulegen“, fasst Denis zusammen.

Figuren sollen authentisch und flexibel erscheinen

Bei ihrem Wiedersehen gehen die einst zerstrittenen Teenager aufeinander zu und versöhnen sich am Ende sogar. Seit neun Jahren stehen die Schauspieler Konrad Büttner und Karla Leisen auf der Bühne und arbeiten eng mit sozialen Einrichtungen zusammen. Für das Stück „Wir sind viele“ war eine Probezeit von rund sechs Wochen angesetzt. „Wir haben Jugendliche in den Entwicklungsprozess miteingebunden und den Inhalt mit ihnen abgestimmt“, erklärt Leisen. Die Figuren sollen authentisch und flexibel erscheinen.

Dafür schlüpfen Büttner und Leisen abwechselnd in die Rollen von Denis und Jean. „So verändert sich nicht nur die Besetzung, sondern auch die Gefühlsebene“, so Leisen. Ziel sei es, die Kinder wachzurütteln und sie zu ermutigen - bei allem Widerstand - ihren Träumen nachzugehen.

Der theaterpädagogische Workshop, den die beiden Darsteller im Anschluss an das Stück für die Neuntklässler anboten, beschäftigte sich dann auch auf spielerische Weise mit den Sehnsüchten und Ängsten der Kinder. Die Nachbereitung ging ohne Lehrkräfte über die Bühne. „Da können die Jugendlichen freier agieren und unsere Impulse besser annehmen“, erklärt Büttner.

Quelle: op-online.de

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