„Bitte“ hilft oft nicht weiter

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Jugend-Psychotherapeutin Hedi Friedrich und ihr Mann, der Pädagoge Wolfgang Friedrich.

Babenhausen - Da waren einige Mütter doch irritiert und verwundert. Hatten sie ihre Wünsche gegenüber ihrem Kind bisher immer mit dem Wörtchen „bitte“ verbunden, schon allein um Höflichkeit vorzuleben. Von Petra Grimm

Das ist wenig hilfreich, wenn man den Sprössling dazu bringen will, etwas Bestimmtes zu tun, erfuhren sie von der Kinder- und Jugend-Psychotherapeutin Hedi Friedrich und ihrem Mann, dem Pädagogen Wolfgang Friedrich. „Formulieren Sie ihr Anliegen nicht als Bitte oder Frage, wenn es dabei gar nicht um einen Gefallen geht. Sie überlassen dem Kind sonst die Entscheidung und Verantwortung, ob es ihnen den Gefallen erweisen will“, erklärte Hedi Friedrich. Anstatt zu sagen „Kannst du bitte heute Morgen aufstehen“ wäre es besser, das Anliegen klar mitzuteilen und zu sagen: „Guten Morgen, Zeit zum Aufstehen, ich warte auf dich beim Frühstück.“

Auf Einladung des Babenhäuser Frauenforums war das Ehepaar am Samstagnachmittag aus Frankfurt angereist, um im „LebensMittelPunkt“ einen Vortrag zum Thema „Kindern Grenzen setzen“ zu halten. Und trotz des hochsommerlichen Wetters waren Mütter und Väter gekommen, um sich zu informieren. Hedi Friedrich, die auch ein Buch mit dem Titel „Beziehungen zu Kindern gestalten“ geschrieben hat, stellte zunächst klar: „Kinder brauchen zum Wachsen neben Zuwendung, Herzlichkeit, einfühlendem Verständnis und Wertschätzung ihrer Person auch klare Strukturen und Spielregeln, damit sie eindeutig wissen, woran sie sind und was von ihnen erwartet wird.“

Das Zusammenleben braucht Regeln

Das Zusammenleben brauche Regeln, die gemeinsam aufgestellt oder vorgegeben werden können. „Das Grenzensetzen wird ja erst nötig, wenn diese Spielregeln nicht eingehalten werden“, erklärte sie ihren Zuhörern, die rasch ins Gespräch kamen mit den beiden Fachleuten. Und so war es auch geplant, denn die Friedrichs wollten ihre Anregungen für die Eltern nicht referieren, sondern über Fragen aus dem Publikum besprechen. So erzählten die Mütter aus ihrem Erziehungsalltag, von großen und kleinen Problemen mit Kindergartenkindern oder schon pubertierendem Nachwuchs. Allgemeingültige Lösungen gibt es in Erziehungsfragen nicht. „Manchmal muss man Lösungen ausprobieren und ein Spiel daraus machen“, sagte Hedi Friedrich. Wenn das Kind zum Beispiel auch mal der Bestimmer sein will, könne man ja aushandeln, wann das Kind und wann die Mutter der Bestimmer ist. „Von zu viel Raum sind Kinder aber oft überfordert. Grenzen sind wie Leitplanken“, betonte Wolfgang Friedrich, der eine Kita geleitet, in der Fortbildung für Erzieher gearbeitet hat und heute als Supervisor im Einsatz ist.

Für die Art und Weise, wie Eltern ihre Aufforderung formulieren sollten, gab es viele Anregungen. So scheint es mit dem Wörtchen „nicht“ ähnlich wie mit „bitte“. Es sollte vermieden werden. Denn Erklärungen und Anliegen müssen eindeutig, positiv und konkret formuliert sein, dass das Kind verstehen kann, was die Eltern wollen. Also „Ich will, dass Du mir zuhörst, bis ich ausgeredet habe.“ statt „Du kannst einfach nicht zuhören!“. Auch die Formulierung in der „Ich-Form“ ist wichtig, denn sie drückt klar das Anliegen der Mutter oder des Vaters aus. „Du sollst…“ dagegen rege eher zum Widerspruch an. Vor allem wenn man mit kleinen Kindern spricht, sollte man Blick- und Körperkontakt halten. Lob ist ganz wichtig. Also wenn das Kind etwas gut macht oder gewünschtes Verhalten zeigt, sollte das auch von den Eltern gewürdigt werden. „Lernen braucht positive Bestätigung“, so die Psychotherapeutin.

Rivalität und Aggressivität zwischen Geschwistern

Rat erhofften sich die Eltern beim zweistündigen Austausch auch zum Problem der Rivalität und Aggressivität zwischen Geschwistern. Aggressivität gehöre zum Menschen und dürfe nicht grundsätzlich unterdrückt werden, erläuterte Wolfgang Friedrich, der erzählte, wie viel Spaß seine Kitakinder früher beim spielerischen Raufen mit ihm gehabt hätten. Aber Kinder müssten lernen, dass es Regeln und Rituale bei Raufereien gibt. „Sonst lassen sie später ihre Aggressivität ungebremst raus und wir müssen dann solche Szenen von Jugendlichen sehen, die in U-Bahnhöfen andere Menschen fast tot schlagen und treten“, sagte der Pädagoge.

Die beiden Referenten appellierten an die Eltern, sich Zeit für die Kinder zu nehmen und etwas gemeinsam zu machen. Denn hinter Regelverstößen stecke oft der Wunsch nach Aufmerksamkeit, ohne die Kinder nicht leben könnten. So würden sie eher für Ärger sorgen, als gar keine Beachtung zu bekommen. „Wenn Momente der Zeit und Aufmerksamkeit ohne Bedingung zu haben sind, brauchen die Kinder sich keine Tricks einfallen zu lassen, um sie zu bekommen“, sagte Hedi Friedrich.

Quelle: op-online.de

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