„Waffe“ oder „Waffeleisen“?

Darmstadt/Babenhausen ‐ Der neunte von ursprünglich zehn angesetzten Verhandlungstagen im Doppelmordprozess – und noch lange kein Ende in Sicht. Von Veronika Szeherova

Das Landgericht Darmstadt hat nach der gestrigen Verhandlung drei weitere Termine für April festgelegt, die aber kaum ausreichen dürften. Denn der derzeit verhandelte Themenkomplex „Internetspuren“ stellt sich als in hohem Maße ausschlaggebend für den Prozessausgang heraus. Der Angeklagte Andreas D. war als mutmaßlicher Täter überführt worden, weil er von seinem Firmencomputer aus eine Bauanleitung für einen Pistolen-Schalldämpfer, wie er vermutlich bei der Tat benutzt wurde, im Internet aufgerufen und ausgedruckt haben soll. Dies ermittelte die Kripo anhand von IP-Spuren, die jeder Internetbenutzer hinterlässt. Dass dies aber nicht so ein eindeutiger Hinweis sei, wie es erst scheint, will die Verteidigung beweisen. Und konnte damit schon beim achten Prozesstag trumpfen (wie berichteten).

Gestern versuchte ein Gutachter vom Kommissariat für Internetkriminalität die enormen Zahlen zu relativieren, die die Verteidiger an dem Tag einem Zeugen – dem IT-Administrator der besagten Firma – vorgehalten hatten: Auf dem Firmenserver seien 29 918 Zugriffe von ihm auf andere Mitarbeiterkonten protokolliert, auch auf das von Andreas D., sowie Ausdrucke daraus. Dies sei so nicht richtig, erklärte nun der Gutachter, da es sich dabei um einen Konfigurationsfehler gehandelt habe, der zwischen dem Server, dem Remote (Netzwerkprotokoll von Microsoft zum Darstellen und Steuern von Desktops auf fernen Computern) und dem angeschlossenem Drucker entstanden sei und aus dem diese Zahlen resultierten: „Tatsächlich hatten alle diese angeblich gefundenen Daten die Größe von null Byte. Demzufolge kann es sich nicht um Dateien handeln, die ausgedruckt wurden.“

Auch andere gravierende Zahlen versuchte der Gutachter zu erklären, wie etwa die über 41 000 Treffer auf dem Laptop des Zeugen beim Suchwort „Waffe“: Diese Art der Wörtersuche im PC liefere so hohe Werte, da auch ähnliche Begriffe wie „Waffeleisen“ mitberechnet würden. Damit sei dieser Vorhalt nicht relevant genug.

Den erwähnten Laptop untersuchte er auf Wunsch der Verteidigung auf den Benutzernamen des Angeklagten. Daraus ergab sich, dass der Zeuge sich 4 033 Mal unter dem Benutzerkonto des Angeklagten angemeldet habe. „Dieses Notebook hat das Betriebssystem Vista. Der Aufruf auf der Internetseite erfolgte aber über das Betriebssystem XP, deshalb verfolgten wir das nicht weiter“, sagte der Gutachter.

Weitere Termine angesetzt

Dies sorgte für reichlich Unmut bei der Verteidigung. Auch bemängelte sie, dass bei der Firmendurchsuchung nicht alle Computer überprüft wurden, sondern nur die angeblich internetfähigen. Denn auch auf diesen Rechnern könnte jeder, erklärte ein von der Verteidigung beauftragter IT-Spezialist, über die dazugehörige Steckdose und Kabel ins Internet gehen, sich dann auf dem Server einloggen und schließlich drucken. Er demonstrierte auch gleich, wie das funktionieren könnte. Dies soll vor Ort in der Firma getestet werden.

Anschließend sagte einer der Polizeibeamten aus, die für die Auswertung der IP-Daten zuständig waren. Eher zufällig hätte die SOKO, nachdem die Befragung der Nachbarschaft keinen befriedigenden Ergebnisse gebracht habe, im Internet nach einem Schalldämpfer aus Bauschaum gesucht. Sie stießen als auf eine Schweizer Homepage. Per Rechtshilfeersuch bekamen sie eine CD mit den IP-Daten dieser Seite vom Zeitraum bis sechs Monate vor der Tat – über 480 000 Datensätze. Diese wurden auf bestimmte Einschränkungen gefiltert, wie beispielsweise einen Radius von 50 Kilometern Entfernung zum Tatort.

Als schließlich nur noch 274 IP-Adressen übrig blieben, konnten 47 Anschlussinhaber nicht mehr nachvollzogen werden. Eine einzige Spur führte nach Babenhausen. Für die Verteidiger keineswegs ausreichend: Andere Internetseiten seien vernachlässigt worden, zu willkürlich seien die Einschränkungskriterien gewesen. Der Prozess wird am 1. April fortgesetzt.

Quelle: op-online.de

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