Wer wann wo in der Kirche sitzt...

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Für viel Gelächter sorgte die Szene über eine Schulvisitation der zuständigen Kirchenverwaltung im Jahre 1795.

Hergershausen - Ein bisschen nervös zogen die zwei stattlichen, schwarzen Pferde die geschmückte Kutsche mit den Kirchenglocken am Samstagnachmittag durch die Zuschauermenge Richtung Kirche. Von Petra Grimm

Das beeindruckende Bild erinnerte an die Ankunft der neuen Glocken im Jahr 1952, die damals von den Hergershäusern in einem feierlichen Zug vom Bahnhof zum evangelischen Gotteshaus geleitet wurden. Denn wie bereits im ersten Weltkrieg hatten sie auch zwischen 1938 und 1945 ihre Glocken für die Vermehrung des Rüstungsmaterials abgeben müssen.

Das Mädchen Elfriede Frenzel, gespielt von Anna Lena Hohmeier, trug bei diesem für die damalige Kirchengemeinde unvergesslichen Ereignis ein vom Landwirt Johannes Grimm geschriebenes Gedicht vor. Mit dieser Szene war die gekonnt inszenierte Freiluftaufführung zum 300-jährigen Bestehen der Dorfkirche beinahe zu Ende und das große Jubiläumsfest im Kirchgarten konnte beginnen.

Ungewöhnliche Zeitreise über ein Jahr

Die Darsteller, ihre Helfer und Regisseurin Marlene Schwarz waren spürbar erleichtert, als Pfarrerin Elke Becker ihnen am Schluss mit Blumen dankte und das Publikum begeistert applaudierte. Immerhin hatten sie die ungewöhnliche Zeitreise über ein Jahr vorbereitet.

Begeisternden Applaus gab es nicht nur zum Schluss des Freiluft-Historienspiels, auch die einzelnen Szenen wurden beklatscht.

„Es war ein bisschen anders als geplant, aber wir haben es gut gemeistert. Ich bin total froh“, sagte Marlene Schwarz, Kabarettistin und Autorin aus Brensbach, nachdem sie rund 300 Zuschauer zwei Stunden lang als Fremdenführerin Mathilde Schwall durch den alten Ortskern und 300 Jahre Kirchengeschichte begleitet hatte. Auf Grundlage der historischen Recherchen und Ideen der beiden Heimatforscher Inge und Harald Heckwolf hatte sie ein informatives und gleichzeitig humorvoll unterhaltsames Theaterstück geschrieben. Die neun historischen Szenen unter dem Titel „Allerlei Hergershäuser Histörchen und Anekdötchen“ waren auf sechs verschiedene Spielorte verteilt, so dass die Gäste in doppelter Hinsicht bewegt wurden. 18 Erwachsene, darunter auch einige Sickenhöfer, und acht Kinder legten sich als Laienspieler ins Zeug, um die Vergangenheit lebendig werden zu lassen. Die Musiker des TVH-Blasorchesters begleiteten die Zeitreise und sorgten bei verschiedenen Spielszenen für die passende Musik.

Bau des neuen Kirchengebäudes

Mit dem Bau des neuen Kirchengebäudes 1711/1712 begann die Tour, die weiter zur lebhaften Debatte über den Orgelvertrag von 1717 und die Ausmalung der Kirche 1764/65 führte. Der Kirchenvorstand hatte eine barocke Ausmalung beschlossen, die für eine evangelische Kirche untypisch war und manchen als frivol galt. Für viel Gelächter sorgte die folgende Szene über eine Schulvisitation der zuständigen Kirchenverwaltung im Jahre 1795. Auch der Streit um die Sitzordnung in der Kirche, über den es Hinweise in historischen Unterlagen aus dem Jahr 1808 gibt, war gut umgesetzt. Da der Gottesdienst damals im Wechsel in Hergershausen und Sickenhofen stattfand, brachten die Sickenhöfer die Sitzordnung öfter durcheinander. Schließlich beanspruchte jeder seinen Stammplatz in der Kirche.

Das Mädchen Elfriede Frenzel wurde gespielt von Anna Lena Hohmeier.

In einer humorvollen Spielszene, in der der Ortsdiener Matthes die verwirrende Anordnung über die Verteilung der Sitzplätze im Dorf bekannt macht, bringen ihn drei geschwätzige Weibsleut mit ihren Einwänden beinahe um den Verstand. Der Versuch, den Pfarrsitz 1827 nach Hergershausen zu verlegen, und die Renovierung sowie das Kirchenjubiläum 1912 waren weitere Stationen, die unterhaltsam aus der Perspektive und durch das „Gebabbel“ der weiblichen Bevölkerung dargestellt wurden. Eingestreut in die Szenen über die Kirchengeschichte waren Alltagsbilder, die aus einer Zeit erzählten, in der die Menschen beispielsweise über in den Gassen liegende Pferdeäpfel stritten, weil man damit ja gut die Erdbeeren düngen konnte.

Nach dem Exkurs in die Geschichte feierten die Hergershäuser und ihre Gäste noch im Kirchgarten ein fröhliches Jubiläumsfest, bei dem verschiedene Ortsvereine die Kirchengemeinde tatkräftig unterstützten. Der Landwirt Walter Matthes sorgte für frische „Quwelde“ aus dem historischen Kartoffeldämpfer, die sich die Gäste mit Wurst oder Quark schmecken ließen.

Zum Abschluss des Festjahres lädt die Kirchengemeinde für 1. Dezember um 17 Uhr zu einem Festgottesdienst mit Dekan Meyer ein.

Quelle: op-online.de

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