Weihnachtsbaum im Wohnwagen

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Die Arbeit geht nicht aus: Zirkusdirektor Alfonso Lauenberger beim Putzen von Kamel „Kairo“.

Babenhausen  ‐ „Ich bin in Paderborn geboren, meine Frau im Sauerland und meine drei Töchter in Hannover, Hamm und Harburg bei Hamburg“, sagt Alfonso Lauenburger. Von Michael Just

Für die bunte Vielfalt auf den Geburtsurkunden gibt es eine einfache Erklärung: Der 39-Jährige ist Zirkusdirektor. Derzeit gastiert der „Circus Bravo“ als Weihnachts-Zirkus auf dem Festplatz mit einem altdeutschen Programm. Dazu gehören neben Artistik und Akrobatik rund 15 Tiere, darunter Lamas, Ziegen, Ponys, ein Kamel und eine Schlange. Dass man derzeit kein festes Winterquartier bezieht, dafür gibt es eine einfache Erklärung: Das „Durchgastieren“ lohnt sich nicht mehr. „Früher hatte man an Weihnachten, Silvester und Fastnacht genügend Zuspruch oder Aufträge, um lange an einem Ort zu bleiben. Heute organisieren die meisten Vereine selbst etwas“, erzählt Lauenburger.

Diana Lauenburger mit ihren drei Töchtern im großen Wohnwagen. Einen großer Christbaum und viel Weihnachts-Gefühl haben auch im „Haus“ der Zirkus-Familie Platz.

Vor wenigen Jahren hat er den Zirkus in dritter Generation von seinem Vater übernommen. Mit seinen 71 Jahren ist der als Feuerschlucker regelmäßig noch mit von der Partie. Derzeit fehlt der Senior, weil er über die Festtage einen Teil seiner rund 20 Enkel besucht. Die Pause gönnt Lauenburger seinem Vater: „Der sieht zwar 15 Jahre jünger aus, weil die Zirkus-Luft ihn jung hält. Trotzdem steckt dahinter ein Knochen-Job“, sagt er. Der Chef weiß, wovon er spricht: Abgesehen vom Feuerschlucker „Mr. Scharawan“ und Mutter Ursula (62) liegt mit den fünf Lauenburgers ein echter Familienbetrieb vor. So ist der 39-Jährige neben Zirkusdirektor auch Stallbursche, zieht alleine das Zelt hoch oder baut während der Vorstellung auf und ab. Dazu gestaltet er als Clown „Peppino“, Balance-Artist, Messerwerfer und Dompteur des mongolischen Steppenkamels „Kairo“ das Programm mit. Das gleiche gilt auch für die Kinder: Sie reißen die Eintrittskarten ab, verkaufen Popcorn oder Zuckerwatte und stehen wenige Minuten später in der Manege. Die gesamte Familie ist somit am Erfolg des Zirkus‘ beteiligt und von ihm abhängig.

Dass dieser Alltag ein hartes Brot ist, versteht sich von selbst, auch weil derzeit 350 kleinere Zirkusse durchs Land touren. Die Unterstützung des Staates will Lauenburger nicht: „Nach Sozialhilfe haben wir das letzte Mal vor 15 Jahren gefragt. Wir müssen einfach gut kalkulieren.“ Tritt man mal vorübergehend nicht auf, wird in Schulen gefragt, ob sich ein kleines Programm präsentieren lässt. Urlaub kennt die Zirkusfamilie nicht: „Du kannst hier nicht weg und musst bei den Tieren bleiben. Urlaub ist für uns, wenn wir die Verwandten sehen“, sagt das Familienoberhaupt.

Derzeit gastiert der „Circus Bravo“ bis 2. Januar täglich um 15 Uhr auf dem Festplatz.

Wo sich die Zirkus-Familie in wenigen Wochen aufhält, weiß keiner von ihnen. Wenn der Großvater zurückkommt, wird er sich um einen neuen Stellplatz kümmern.

Dann ist man wieder unterwegs - aus Tradition: Beim Zirkus kennt man es einfach nicht anders.

Trotzdem will kein Lauenburger das gewählte Leben eintauschen. „Wenn du länger an einem Ort bist, juckt’s wieder zu reisen“, heißt es einvernehmlich. So ist Sesshaftigkeit für Diana Lauenburger (36) kaum vorstellbar: „Jene, die ausgestiegen sind, kommen meist bald wieder zurück“, erzählt sie. Wie könnte es anders sein, entstammt sie ebenfalls einer Zirkusfamilie. Das stetige Leben im Wohnwagen macht ihr nichts aus. „Das ist unser Haus“, sagt sie zu dem zwölf Meter langen Gefährt, in dem hintereinander Küche, Wohnzimmer, Bad, Schlafzimmer und ein Kinderzimmer kommen. Im Wohnzimmer steht derzeit ein großer, bunt geschmückter Christbaum, der die Augen der drei Töchter Angela (17), Deborah (14) und Jolina (8) zum Leuchten bringt. Bis auf die jüngste haben alle einen eigenen Wohnwagen.

Auch der Nachwuchs will die Zirkusluft unter keinen Umständen missen. „Trotz wöchentlich neuer Mitschüler und Lehrer kommen die Kinder in den Schulen ganz gut mit“, weiß die Mutter. So gibt es an jedem Ort zusätzliche Bereitschaftslehrer und einige würden das Trio am liebsten gleich hier behalten. Mit einigen ehemaligen Schülern halten die Zirkuskinder einen Internet-Kontakt aufrecht. Früher sind sogar Mitschüler ein paar Wochen mitgereist. „Die sehen nur die Tiere, doch wenn der Alltag kommt, lässt die Begeisterung schnell nach“, lacht Lauenburger.

Quelle: op-online.de

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