Wenn ein Bedrohter den anderen frisst

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Was für den Vogelfreund als Erfolg der Schutzbemühungen daherkommt, kann der Bachforelle ordentlich den Tag verderben - ein Kormoran auf Beobachtungsposten über einem See.

Hergershausen - Tierschutz kann eine komplizierte Sache sein. Zum Beispiel ist der Kormoran auf der Roten Liste für bedrohte Tierarten zu finden. In so gut wie der ganzen Welt lebend, war der schlanke Vogel jahrelang vom Aussterben bedroht – unter anderem, weil die Menschen ihm seine Lieblingsspeise nicht gönnten: Fisch. Von Alexander Klug

Genau deswegen kommt sich der Gefiederte nun mit den Hergershäuser Anglern ins Gehege: Durch den gesetzlichen Schutz zahlenmäßig erholt, schicken sich die Kormorane an, deren Teiche und Fließgewässer leer zu fressen.

„So ein ausgewachsener Kormoran frisst mindestens seine 400 Gramm Fisch pro Tag“, rechnet Michael Jaust vor, der 55-Jährige steht seit 18 Jahren an der Spitze des Hergershäuser Angelsportvereins. Er schätzt, dass so mancher Kormoran-Schwarm, der während der Herbst-, Winter- und Frühjahrszeit in beziehungsweise über der Region unterwegs ist, aus bis zu 80 Tieren besteht. „Da kann sich jeder ganz einfach ausrechnen, wie viel Fisch die so wegputzen“, meint der Hobby-Angler. „Das ist nicht nur für uns, sondern deutschland- und europaweit ein Problem.“

Denn die im Prinzip erfreuliche Erholung der Kormoran-Bestände macht andere Tierarten zu Problemfällen: Manche Art sei aus vielen Gewässerregionen vermutlich schon verschwunden, meint der Hergershäuser besorgt. „Darunter befinden sich auch solche, die wie der Kormoran zu den geschützten Arten zählen, zum Beispiel Aal, Bachforelle und Äsche, Bitterling, Karausche oder Schleie.“ In den Gewässern bei Hergershausen sind viele dieser Arten ebenfalls heimisch.

Schwierig für die heimischen Fische seien vor allem Herbst und Winter. „Während dieser Zeit sind besonders viele Tiere unterwegs“, weiß Jaust. Von bestimmten Brut- und Schlafplätzen in Bayern und am Rhein aus brächen die Tiere zu ihren „Raubzügen“ auf; die Kreise, die sie dabei ziehen, seien viele Kilometer groß.

Die eine oder andere Methode, der unter Artenschutz stehenden, aber gefräßigen Vögel Herr zu werden, gebe es durchaus, meint der Vereinschef. Zum Beispiel sei es zwar nicht leicht, aber machbar, eine Abschussgenehmigung zu bekommen – im August 2008 hat die Untere Fischereibehörde in Frankfurt den sogenannten Vergrämungsabschuss an der Nidda für vier Jahre erlaubt; damit sollen die Tiere verscheucht werden.

„Aber wir wollen nicht anfangen, vor den Toren unseres schönen Ortes herumzuballern“, meint Jaust. Auch das Anstrahlen von Kormoran-Nestern samt Gelege mit Scheinwerfern – die brütenden Tiere verlassen daraufhin das Nest – sei am Bodensee bereits praktiziert worden. „Der Aufschrei der Empörung war jedoch beachtlich“, erinnert sich der Hobbyangler – er will größere Auseinandersetzungen mit den Vogelschützern eigentlich vermeiden.

Vergleichsweise friedlich kommt daher die Taktik der Hergershäuser Fischfreunde daher: Sie haben sich schwarze Schwäne aus Plastik besorgt. „Denen wird ein sehr aggressives Revierverhalten nachgesagt, deswegen hoffen wir, dass die Kormorane einen Bogen um sie machen“, erläutert Jaust. Weil das Hergershäuser Gewässer mit seinen rund 10 000 Quadratmetern recht überschaubar ist, schätzt er die Chance als durchaus beachtlich ein, dass sich so mancher hungrige Fischfresser vom ebenfalls dunkel gefiederten, aber weitgehend vegetarisch lebenden Vogelkollegen verscheuchen lässt.

Quelle: op-online.de

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