Wenn beherztes Eingreifen nötig ist

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In Rollenspielen üben die Schüler den Ernstfall.

Hergershausen - Maxi und Daniel schubsen sich hin und her, kurz darauf liegen sie im Klassenzimmer auf dem Boden, liefern sich eine wilde Rauferei und beschimpfen sich. Beherzt gehen Marie und Natalie dazwischen und trennen die Streithähne. Von Petra Grimm

Sie versuchen die Ursache der Rangelei herauszufinden und die Jungs dazu zu bringen, sich wieder zu vertragen.

Die beiden couragierten Viertklässlerinnen gehören zu den acht Streitschlichtern der Bachwiesenschule und zeigen bei diesem Rollenspiel, wie sie bei ihrem „Job“ vorgehen. 13 Drittklässler, die derzeit von der Lehrerin Beate Klotz-Reichel zu Streitschlichtern ausgebildet werden, schauen gebannt zu. Im kommenden Schuljahr, wenn sie selbst dann in der vierten Klasse sind, werden sie auf dem Pausenhof unterwegs sein, um bei Auseinandersetzungen ihrer Mitschüler helfend einzugreifen und für Frieden zu sorgen.

Seit 2007 gibt es dieses Projekt an der Grundschule, das von einer Referendarin ins Leben gerufen wurde. „Ziel ist, dass die Schüler kleinere Streitigkeiten untereinander regeln und ihre Sozialkompetenz gestärkt wird“, erklärt Beate Klotz-Reichel. Seit drei Jahren vermittelt die engagierte Lehrerin Drittklässlern im zweiten Schulhalbjahr in einer freiwilligen AG das Knowhow, als Helfer in Streit- und Konfliktfällen zu agieren.

„Eine gewisse Sprachfähigkeit und den Wunsch, anderen zu helfen, müssen die Kinder, die mitmachen, schon haben. Wer sehr schüchtern ist, merkt normalerweise selbst, dass das nicht das richtige für ihn ist“, so die Erfahrungen der Lehrerin, die davon überzeugt ist, dass das Projekt das Schulklima verbessert.

Bei dieser AG, die am Ende des Schuljahres mit einer Prüfung endet, erfahren die künftigen Streitschlichter, dass es wichtig ist, zunächst eine Gesprächssituation herzustellen, bei der beide Kontrahenten zu Wort kommen. Und zwar nicht gleichzeitig. Dabei hilft ihnen eine Münze, mit der (Kopf oder Zahl?) ausgelost wird, wer zuerst reden darf. Außerdem haben sie immer einen Stein als Hilfsmittel dabei. „Die Regel ist, nur wer gerade den Stein in der Hand hat, darf reden. Der andere muss zuhören“, erklären die Streitschlichter, die den Stein zwischen den Streithähnen hin und herreichen.

Da manche Kinder Probleme haben, vor allem in einer aufgeheizten Situation, über ihre Gefühle zu sprechen, reichen die Vermittler außerdem einen Würfel herum. Auf ihm sind Gefühle, wie „ärgerlich“, „ausgeschlossen“ oder „verletzt“ abgebildet, auf die die zankenden Kinder deuten können.

„Ich erkläre den angehenden Streitschlichtern auch, dass eine Auseinandersetzung auf dem Schulhof oft nur die Spitze eines Eisbergs ist, dass unter der Wasseroberfläche noch mehr liegt und es vielleicht eine Vorgeschichte bei diesem Streit gibt, die man herausfinden muss, um eine Lösung zu finden“, erklärt die Lehrerin, die „Dienstpläne“ für die Streitschlichter erarbeitet und für alle Schüler sichtbar in der Aula aushängt. Immer zwei sind als Team in der Pause aktiv und durch leuchtende Westen von ihren Mitschülern zu erkennen. Im Idealfall schaffen es die Vermittler gemeinsam mit den Streitenden eine Lösung zu finden, die beide Seiten akzeptieren. Dann wird sogar ein schriftlicher Vertrag über die Lösung aufgesetzt, den die beiden Kontrahenten unterschreiben. Die Kinder haben verstanden, dass sie keine Richter sind, die strafen, sondern Mediatoren, die vermitteln und dabei neutral sein sollten. „Man darf nicht zu seinem Freund halten“, erklärt ein Kind. Gelegentlich stoßen sie bei ihrer ehrenvollen und nicht einfachen Aufgabe auch an Grenzen und können nicht jedes Problem auf dem Pausenhof lösen. „Dann holen wir die Lehrerin, die Aufsicht hat“, sagt Marie, „denn manche Kinder wollen sich von uns nicht helfen lassen.“

Quelle: op-online.de

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