Ein Wildfang wird zum braven Pferd

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Kein Griff in die Trickkiste: Die Hergershäuserin Judith Mauss blickt in die Seele der Pferde und entwickelt Kommunikationsmodelle mit spektakulären Ergebnissen.

Hergershausen - Steigende Rennpferde, bockende Mustangs und widerspenstige vierbeinige Profis im Dressurviereck sind Arbeitskollegen von Judith Mauss. Unter ihrer Fittiche werden scheinbar „unbehandelbare“ Pferde zu motivierten Partnern ihrer Halter. Von Ursula Friedrich

Das ist keine Zauberei“, erklärt die gelernte Landwirtin, die vor rund drei Jahren in der Langfeldsmühle in Hergershausen mit Tochter Leonie und ihren drei Rössern eine neue Heimat gefunden hat.

Von Titeln wie „Pferdeflüsterer“ will sie nichts hören: „Ich übe ein Handwerk aus.“ Dass aus einem gefährlichen Wildfang bereits nach kurzer Zeit ein lammfrommes Reitpferd wird, klinge zunächst zwar nach einem Wunder. Dabei ist Judith Mauss Rezept denkbar simpel: Die Welt aus Pferdesicht sehen, Instinkte und Verhalten des „Fluchttiers“ begreifen und in der Sprache der Pferde kommunizieren. Wer die Fremdsprache „pferdisch“ erlernt und anwendet, hat spektakuläre Erfolge. Um die Verständigung zwischen dem Tier und seinem Besitzer zu ermöglichen, vermittelt Judith Mauss wie eine Übersetzerin.

In Vorträgen und Seminaren, Einzeltraining und Gruppen-Workshops schult sie „Zweibeiner“ und Vierbeiner. Ihre Trainingsmethoden sind inzwischen so erfolgreich, dass sie von Hamburg bis Passau unterwegs ist, „und ständig ausgebucht“. Das Betätigungsfeld ist breit: Sie schult Freizeitreiter ebenso wie Grand-Prix-Reiter, ist auf der Rennbahn Baden-Baden tätig oder hält Vorträge für Hufschmiede, um deren Arbeit mit unwilligen „Kunden“ zu erleichtern. „Ich vermittle keine neue Reitweise“, erläutert sie. Ist eine Kommunikationsebene zwischen Tier und Mensch gefunden, kann im Dressurviereck, unter dem Westernsattel, vor der Kutsche oder auf der Rennbahn erfolgreich zusammen gearbeitet werden.

Die Hergershäuserin kann selbst auf vier Jahrzehnte Erfahrung im Sattel zurückschauen: Sie war erfolgsorientierte Spring- und Vielseitigkeitsreiterin, wechselte zum Westernreiten, absolvierte eine Ausbildung auf dem Kutschbock, entdeckte das „Horsemanship“ und ist heute fasziniert von der barocken Reitweise.

Schwerste Lektionen nur am leichtem Halfter

Wer ihr beim Training zuschaut, ist gebannt: Anspruchsvolle Dressurlektionen zeigt sie auf ihrem spanischen Wallach „Te Quiero“ (Deutsch: Ich will dich), der nichts als ein leichtes Halfter am Kopf trägt. Hoch motiviert besteigt die Stute „Silva“ den bereits rollenden Pferdehänger, legt sich neben „Frauchen“ wie ein Hund in den Sand und überwindet im Freisprung Hindernisse. „‚Silva‘ war meine Lehrerin“, sagt Judith Mauss, „nach 25 Jahren traditioneller Ausbildungsweise, fruchtete bei der unbezwingbaren Stute nichts.“

Schon damals hatte bei ihr eine neue Denkweise eingesetzt. Gemeinsam mit dem damaligen Ehemann Georg baute sie den landwirtschaftlichen Betrieb mit Einstellmöglichkeiten für Pferde zwischen Altheim und Richen um. Die bis dato neue Form artgerechter Haltung in einer großen Herde hat inzwischen viele Nachahmer gefunden.

Mehr Infos gibt es auf der Homepage von Judith Mauss.

Judith Mauss hatte so ihr Studienfeld „vor der Nase“ und gewann tiefe Einsichten in Pferdepsyche und -verhalten. „Auf meinem Weg des Suchens und Fragen begegneten mir einige Horsemen, die mir spannende und neue Impulse für meine Arbeit mit Pferden gaben“, erzählt Judith Mauss weiter. Bei Reisen durch ganz Europa, die schließlich sogar nach Nord- und Südamerika führten, stillte sie ihren „Hunger nach mehr Pferdewissen.“ Besonders prägend war die Arbeit mit einer Gruppe von Wildpferden in Südamerika, die sie zu Reitpferden ausbildete.

Heute erhält die Arbeit mit Menschen immer mehr Gewicht: Wie eine Fremdsprachenlehrerin vermittelt die „Ausbilderin“ ihren Schülern ein neues Verständnis für den Partner Pferd. Scheinbar unüberwindbare Hürden, wie das Verladen des Vierbeiners in einen Hänger, werden plötzlich mühelos genommen. Bei vielen Leuten gibt es plötzlich einen „Aha-Effekt“. Wer auf der Sprachebene seines Tieres kommuniziert, hat Erfolg. Mit einem hoch motivierten Partner, der mit Freude Neues lernt.

Quelle: op-online.de

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