„Wir wollten so was mal machen“

Darmstadt/Babenhausen ‐ „Ich bin naiv und konnte nicht nein sagen“, dieser Satz eines Angeklagten im Prozess der Jugendkammer könnte für fast alle der sieben Angeklagten gelten. Von Ulrike Bernauer

Vernünftige Motive für die drei Raubüberfälle, die die sieben Ende 2009 und Anfang diesen Jahres in Babenhausen und Schaafheim begingen, können Richterin Andrea Röhrig und Staatsanwältin Nina Becker kaum aus den Angeklagten herauskitzeln. Wie berichtet, müssen sich die jungen Männer seit Montag wegen Raubüberfälle auf Märkte und einen Schreibwarenladen verantworten.

Lediglich der 20 Jahre alte Offenbacher benennt sein Motiv: Schulden entstanden durch seine Spielsucht. In einer sehr ausführlichen Beweisaufnahme fragt Richterin Röhrig auch nach den Hintergründen der Angeklagten. Die sind beim Offenbacher bis auf seine Sucht durchaus positiv: Realschule, abgeschlossene Lehre, Festanstellung. Mit einem Transportunternehmen hat er sich selbstständig gemacht und damit seinen Bruder „aus der Arbeitslosigkeit geholt“. Geständig ist der Offenbacher am ersten Verhandlungstag und er beschönigt seine Taten, die beiden Überfälle auf die beiden Netto-Märkte Babenhausen und in Schaafheim, nicht. Lediglich den Namen seines bis jetzt noch unbekannten Mittäters beim ersten Überfall will er nicht nennen.

Dilettantisch bis gar nicht vorhanden

Im Laufe des ersten Verhandlungstages kristallisiert sich auch heraus, dass bei den Überfällen wenig planvoll vorgegangen wurde und auch das Bild einer Bande verflüchtigt sich im Laufe des Prozesses, sofern man den Aussagen der Angeklagten Glauben schenken kann. Dilettantisch bis gar nicht vorhanden waren vorherige Absprachen. Man hat mal vorher geredet, dass man so etwas machen wolle, so schildern die Haupttäter die Zeit vor den Überfällen.

Eher zufällig waren dann auch die Beteiligten, was die vorsitzende Richterin immer wieder zu Nachfragen bewegt. „Solche Taten begeht man doch nur mit Vertrauten, schließlich will man nicht, dass davon etwas bekannt wird“, insistiert sie mehrmals.

Davon kann jedoch nach den Aussagen der Täter kaum die Rede sein. Die Angeklagten widersprechen sich. So wird von Drohungen gesprochen mitmachen zu müssen. Diese Aussagen bezeichnen andere Beschuldigte wiederum als falsch.

Im Laufe des ersten Prozesstages klärt sich einiges. Was bleibt, ist der Eindruck des absoluten Dilettantismus. Weder die Fluchtroute war nach Aussagen der Tatverdächtigen abgesprochen, noch die genaue Aufteilung der Beute. Auch die Beschaffung von Waffen und Sturmhauben erscheint nach den Einlassungen eher zufällig.

Mancher Zuschauer ist geneigt, die Überfälle als Dumme-Jungen-Streiche zu bewerten, die aus dem Ruder gelaufen sind. Zumal einige der Angeklagten bei der Schilderung ihrer Taten die Tränen nicht zurückhalten können und ihnen wohl klar geworden zu sein scheint, was sie da angerichtet haben.

Kollegin leidet noch unter den Folgen des Überfalls

Zum Schluss des ersten Verhandlungstages werden die beiden Kassiererinnen des Netto-Marktes in Babenhausen in den Zeugenstand gerufen. „Ich wurde von hinten angegriffen, bekam eine Waffe an die Schläfe gehalten“, erinnert sich eine 27-jährige Kassiererin, die versucht, das Geschehen zu verdrängen. Nach dem Überfall sei sie zusammengebrochen und sie habe die ersten vier Wochen nicht schlafen können. Auch ihre Kollegin leidet noch heute psychisch unter den Folgen des Überfalls, drei Monate war sie krank geschrieben, durch eine Therapie wurde sie wieder arbeitsfähig.

Wie die beiden Frauen die Entschuldigungen der beiden Täter aufgenommen haben, kann man nicht sagen. Als Tatsache kann gelten, dass sie Todesangst erlitten haben. Da nutzen auch die Beteuerungen der Täter, die Pistolen seien nur Schreckschusspistolen ohne jegliche Munition gewesen, nichts. Wie Richterin Röhrig schon vorher sagte: „Dass konnten die Kassiererinnen nicht wissen.“

Quelle: op-online.de

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