„Witwe einfach in den Arm nehmen“

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Burkhard Hennigs und Anneliese Peter sind Quereinsteiger im Bestatterberuf – und haben sich erfolgreich in Babenhausen etabliert.

Babenhausen ‐ Wenn es im November kalt und grau ist, die Bäume ihre Blätter verlieren und aus der Natur das Leben scheinbar weicht, werden auch viele Menschen nachdenklicher. Von Veronika Szeherova

Zu kaum einer anderen Zeit wird die Endlichkeit des Seins so deutlich wie im „Totenmonat“ November. Es gibt Menschen, für die der Tod das ganze Jahr zum Alltag gehört – allen voran die Bestatter.

Zum Beruf gehört weitaus mehr, als Verstorbene unter die Erde zu bringen. „Formalitäten und der genaue Ablauf der Bestattung sind das eine, doch ohne persönliche Zuwendung und viel Einfühlungsvermögen geht es nicht“, sagt Simone Blümler von der gleichnamigen alteingesessen Schreinerei in Babenhausen, der seit 24 Jahren ein Bestattungsinstitut angeschlossen ist. „Manchmal nehme ich eine frisch verwitwete Frau einfach in den Arm und drücke sie ganz fest.“

Auch die Bestatter Anneliese Peter und Burkhard Hennigs legen sehr viel Wert auf Trauerbegleitung – teils sogar über die Beerdigung hinaus. Hennigs: „Gerade wenn der Alltag danach weitergeht, werden sich viele Menschen des Verlustes erst richtig bewusst, den der Tod einer geliebten Person mit sich bringt. Begleitung in dieser Phase der Trauer kann dann eine große Hilfe sein.“

Simone Blümler-Praetzas ist seit 24 Jahren Bestatterin. Mittlerweile haben Urnenbestattungen einen Anteil von 80 Prozent.

Auch vorher nehmen sich die Bestatter schon so viel Zeit für die Hinterbliebenen, wie diese sie brauchen. „Das Erstgespräch dauert meist zwischen zwei und drei Stunden“, so Peter, „danach folgen oft noch weitere Treffen, in denen die Wünsche und Vorstellungen noch genauer besprochen werden.“ Dabei kann es um die Trauerfeier selbst gehen oder um die Trauerrede, in die besonders viel über die Persönlichkeit des Verstorbenen einfließt, „gern gehen wir dabei auf sein Lebensmotto ein“, sagt Hennigs. Auch Blümler schreibt und hält Trauerreden. Dabei bringt sie religiöse Aspekte ein oder lässt sie ganz weg – nach Wunsch der Angehörigen. „Ich versuche niemanden umzustimmen“, sagt die 52-Jährige. Sie selbst glaube daran, dass „wir uns irgendwann wiedersehen.“

Religiöse Trauerfeiern sind die am häufigsten gewählte Variante

Für Hennigs und Peter steht „gelebtes Christsein“ im Vordergrund ihrer Arbeit. Gern verwenden sie bei Trauerfeiern christliche Symbolik. „Wenn es keine religiöse Bestattung sein soll, steht diese eben nicht im Vordergrund, dann gibt es auch andere Möglichkeiten“, erklärt Hennigs. Nach wie vor aber seien religiöse Trauerfeiern die am häufigsten gewählte Variante. Und auch nicht-gläubige Menschen hätten erfahrungsgemäß fast nie etwas gegen ein Gebet am Grab einzuwenden.

Die Babenhäuser Bestatter bieten Aufbahrungen bei den Angehörigen zuhause an. „Im Gegensatz zu früher kommen heutzutage mehr Menschen zum ruhigen Sterben nach Hause. Und die Hinterbliebenen können dann bestimmen, wie lange sie den Toten dort aufbahren möchten. Immer mehr nehmen diese Möglichkeit wahr“, sagt Blümler, die darin sogar eine positive Entwicklung hin zu einem natürlicheren Umgang mit dem Tod sieht. Laut Gesetz muss der Verstorbene spätestens 36 Stunden nach dem Tod gekühlt aufbewahrt und nach 96 Stunden bestattet werden.

Es wird gelacht und geweint

„Diese Zeit sollte man nutzen, um sich ganz bewusst mit dem Tod zu konfrontieren“, empfiehlt Hennigs. Das erfolge am besten durch direkten Kontakt mit dem Leichnam. „Anfassen, Küssen, Riechen, den Verstorbenen mit allen Sinnen wahrnehmen hilft beim Begreifen des Todes“, so der 53-Jährige. Deswegen bieten Hennigs und Peter stets den Hinterbliebenen an, beim Waschen und Ankleiden der Toten da bei zu sein. So könne man noch etwas für den geliebten Menschen tun, was für viele Angehörige ein wichtiger Aspekt sei. „Manche wollen anfangs nur zuschauen und trauen sich dann am Ende doch viel mehr zu“, weiß Peter. Dabei werde auch gelacht und geweint. „Wir freuen uns sehr, wenn die Angehörigen danach rausgehen und sagen, es war eine schöne Erfahrung.“

Simone Blümler lässt die Angehörigen ihre Verstorbenen bekleiden, wenn sie es möchten. Vom Waschen rät sie eher ab, macht aber meist bei Kindern eine Ausnahme und in Fällen, wenn die Angehörigen es sich ganz explizit wünschen.

Den Beruf ergriff sie als ihr kleiner Sohn starb

„Bestatter ist mehr als ein Beruf, es ist eine Berufung“, sagt Hennigs, der ursprünglich gelernter Krankenpfleger ist. „Ich habe in dem Job vieles im Umgang mit Verstorbenen erlebt, das mir nicht zugesagt hat“, erinnert er sich. Als auch Anneliese Peter privat negative Erfahrungen in dem Bereich machte, dachten sich beide: „Das geht auch besser!“ Aus diesem Anreiz heraus gründeten sie vor knapp zwei Jahren ihr Bestattungsunternehmen.

Blümler, die ausdrücklich die gute Zusammenarbeit mit dem dritten Mitbewerber auf dem Babenhäuser Markt lobt – dem Bestattungsunternehmen Spiehl – , wuchs in einer Schreinerfamilie auf. „Früher waren Schreiner zuständig auch für Beerdigungen“, weiß die fachgeprüfte Bestatterin. Doch den Beruf ergriff sie erst vor 24 Jahren, als ihr kleiner Sohn starb. Vorher arbeitete sie als Erzieherin. „Man bekommt in den vielen Jahren in dem Beruf einiges mit, doch es gibt Dinge, an die kann ich mich nicht gewöhnen“, verrät Blümler, die sich derzeit für die Meisterprüfung vorbereitet. Es sei für sie nach wie vor schwierig, wenn Kinder und junge Menschen sterben: „Das nimmt einen sehr mit. Aber ich denke, dass ich durch die persönlichen Erfahrungen, die ich gemacht habe, mich besonders gut in deren Angehörige hineinversetzen kann.“ Doch egal bei welchem Verstorbenen – eine oberste Devise gilt für alle Bestatter: die Toten mit Respekt, Feingefühl und Achtung zu behandeln.

Den allgemeinen Trend zur Einäscherung beobachtet sie auch in Babenhausen. „Urnenbestattungen machen mittlerweile 80 Prozent aus, Sargbestattungen etwa 20 Prozent“, so Blümler. „Früher war das andersrum.“ Dabei werden Friedwälder immer beliebter. „Viele wollen nach dem Tod ihren Angehörigen nicht soviel Arbeit mit der Grabpflege machen“, sagt Peter. Außerdem spiele der Aspekt „zurück zur Natur“ eine Rolle. Urnen gibt es mittlerweile in nahezu allen Formen und Farben. Aber auch Särge unterliegen Moden und Trends: weg von dunklem Holz und von der traditionellen „deutschen Hausdachform“, hin zur Truhenform, erläutern die Fachleute.

Ein Rat ist ihnen besonders wichtig. Blümler: „Obwohl‘s ein schwieriges Thema ist – es ist sehr wichtig, mit dem Partner darüber zu reden, was für eine Bestattung man sich wünscht. Das macht es im Fall der Fälle einfacher für alle Beteiligten.“

Quelle: op-online.de

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