Wunschversion kontra Realität

Babenhausen ‐ Es ist eine schöne Seifenblase: ein gleichermaßen ökonomisches und ökologisches, lebendiges und, ja, idyllisches neues Wohn- und Gewerbegebiet, das auf dem Gelände der ehemaligen US-Kaserne in Babenhausen entstanden ist.  Von Veronika Szeherova

Mit Gewerbe, das der Stadt zu mehr Geld verhilft, und Einwohnern, die sich rundum wohl fühlen – ein Prestigeprojekt, auf das der Bund und das Land Hessen mit Stolz blicken. Doch halt: Zurück zur Realität. Denn diese ist weit davon entfernt. Und wird es vermutlich noch Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern – falls es überhaupt jemals so kommen sollte. Denn momentan hakt das Projekt Kasernenkonversion an den scheinbar einfachsten und logischsten Aspekten. Wie der Einzeichnung der Umgehungsstraße Süd in den Rahmenplan. Dass diese nicht erfolgt ist, war einer der großen Streitpunkte bei der elften Sitzung des Ausschusses Konversion Kaserne Babenhausen am Dienstagabend.

Denn es gibt bereits eine Wunschversion der Trassenführung für die B 26, grob gesprochen zwischen Landebahn und Kasernengelände. Dass diese nicht in der derzeitigen Rahmenplanung berücksichtigt wurde, störte viele Mitglieder des vollständig erschienenen Ausschusses. Anita Korte (CDU) lieferte sich mit Bürgermeisterin Gabi Coutandin darüber ein ungewöhnlich hartes Wortgefecht – verteidigte Coutandin doch den Rahmenplan, der realistisch sein müsse, fernab von „Traumtänzereien“, und der sowieso bislang nicht fest beschlossen ist. Denn ob das Amt für Straßen- und Verkehrswesen Darmstadt die Wunschroute mittrage, sei eine andere Sache.

46 Kriterien für Zertifizierung formuliert

Für die angestrebte Zertifizierung durch die DGNB (Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen) sei das Einzeichnen der Südumgehung im Rahmenplan nicht maßgeblich. Das bestätigte auch Jürgen Schmitt, Projektleiter Stadtentwicklung bei der Nassauischen Heimstätte, der einen Überblick über das bisher Geleistete gab. Die Zertifizierung der DGNB ist nun das große Ziel.

Was das bedeutet, erläuterte Rolf Messerschmidt vom Tübinger Architekturbüro Joachim Eble, das mit dem städtebaulichen Rahmenplan beauftragt wurde, der die Bauleitplanung für die Konversionsfläche vorbereiten soll. Und, wie der „Nachhaltigkeitsberater“ Messerschmidt nicht müde wurde zu betonen, aus dem Gelände ein Gebiet entstehen lasse, das wirtschaftliche Aspekte ebenso berücksichtige wie Umweltgesichtspunkte. 46 Kriterien habe die DGNB für die Zertifizierung, „von technischen bis hin zu soziokulturellen - die Betrachtung erfolgt ganzheitlich“, so Messerschmidt. Voraussetzung für die Umsetzung auf dem Babenhäuser Konversionsgelände sei eine Mischnutzung mit Wohnungen und Gewerbe. „Die unterschiedlichen Funktionen in dem Gebiet beeinflussen sich gegenseitig positiv und sorgen für ein lebendiges Quartier mit kurzen Wegen“, sagte Messerschmidt. In Babenhausen gebe es einige spezielle Abwägungen, zum Beispiel bezüglich des „Biotops und der Dichte des ÖPNV“. Doch konkreter wurde Messerschmidt in seinem fast einstündigen Monolog nicht.

Fertigstellungs-Zeugnis ist zeitlich unbefristet

Er verriet noch, dass es das Vorzertifikat für die Rahmenplanung für fünf Jahre gebe, so auch das Erschließungs-Zertifikat für Baurecht und Teile der Erschließung. Das Fertigstellungs-Zeugnis ist zeitlich unbefristet und wird erteilt nach der Fertigstellung von mindestens 75 Prozent der realen Baumaßnahme.

Der Rahmenplan besteht aus vier fachplanerischen Teilen: Verkehrs- und Erschließungskonzept, Freiraumkonzept, Wirtschaftlichkeitsberechnung, Nachhaltigkeit. Die Kosten dafür belaufen sich auf etwa 100 000 Euro. Sehr viel Geld, nicht nur für Babenhausen, auch für die Bima (Bundesanstalt für Immobilienaufgaben), den Eigentümer der Konversionsfläche.

Mehrheit für DGNB-Bescheinigung

So wurden die Kosten zum zweiten großen Streitthema. Die FWB wollen auf die Zertifizierung verzichten und fordern eine „ganz gewöhnliche Bauleitplanung“, die nur Gewerbe beinhalte. Doch die Mehrheit ist für die DGNB-Bescheinigung. So lautet die Frage, wie und von wem die 100 000 Euro getragen werden. Das soll nun zwischen der Stadt und Bima geklärt werden. Daher wurde nun der Zertifizierungsbeschluss noch nicht getroffen. Das Thema soll bei der nächsten Stadtverordnetensitzung erneut aufgegriffen werden.

Bis dahin, so erläutert Coutandin, werden Gespräche mit der Bima geführt. „Wir müssen klären, ob sie auch die vollen Kosten tragen würde.“ Doch auch eine hälftige Einteilung wäre laut der Bürgermeisterin vorstellbar.

Quelle: op-online.de

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