„Zeit im Knast ist verschwendet“

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Wettkampf hinter Gittern: In der JVA Dieburg treten Jugendliche aus dem Erloch (weiße Trikots) zu einem Fußballturnier an.

Babenhausen/Dieburg - Gehen Jungs zu einem Fußballturnier, ist Entspannung angesagt, Übermut und Leichtigkeit. Dieses Mal ist bei fünf Jugendlichen aus dem Babenhäuser Erloch alles anders: Sie wirken nachdenklich und angespannt. Von Michael Just

Kein Wunder: Das kleine Sportfeld mit dem roten Hartgummibelag, auf dem sie kicken werden, ist von hohen Mauern, Gitterfenstern und reichlich Stacheldraht umgeben.

Einmal im Jahr lädt der Gefangenen-Sportverein „SV Altstadt Dieburg“ zu einem Fußballturnier in die Justizvollzugsanstalt (JVA) ein. Auch Teams von „draußen“ sind willkommen. Der Grund: Für die Insassen soll der soziale Kontakt in die Welt jenseits der Gitterstäbe nicht abreißen. Zumal in Dieburg die Verurteilten nicht länger als zwei Jahre hinter Gittern bleiben. Ihre Delikte drehen sich in erster Linie um Körperverletzung, Diebstahl oder Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz. Dass ausgerechnet ein Team aus dem Erloch an diesem ungewöhnlichen Turnier teilnimmt, ist Babenhausens Jugendpfleger Michael Spiehl und JVA-Sportwart Stefan Boettcher zu verdanken. Beide kennen sich über den Handball, dazu war Boettcher schon einmal Trainer bei den „Löwen“.

Der Weg in die JVA mit ihren 270 Insassen führt für die Erloch-Kicker durch die Sicherheitsschleuse. Ein mulmiges Gefühl, einzig Ahmet Ögretmen hat sein gewohnt freundliches Lächeln aufgezogen. Der Mitarbeiter der städtischen Kinder- und Jugendförderung für das kürzlich initiierte Erloch-Projekt, das für eine nachhaltige Integration des sozialen Problembezirks sorgen soll, übernimmt an diesem Tag die Aufgabe des Coachs. Als Schülertrainer bei der Germania und als väterlicher Freund vieler Erloch-Jugendlicher scheint er für diese Aufgabe prädestiniert.

„Im Fernsehen wird Knast falsch dargestellt“

Das Turnier hat für ihn mehr als einen rein sportlichen Anreiz: „Unser Team soll heute die andere Seite kennenlernen und sehen, was auf sie zukommt, wenn sie Mist bauen.“ Ögretmen ist es wichtig zu vermitteln, dass zwischen dem Gefängnis im Fernsehen und in der Realität eine große Lücke klafft. „Auf dem Bildschirm kommt der Knast immer cool und locker mit viel Freizeit, Sport und Muskelaufbau rüber. Da wird viel irrtümlich dargestellt.“

Für die Gefangenen ist das Fußballturnier wie ein Feiertag: Es wird gegrillt, dazu ist ein Hähnchen-Verkäufer mit seinem Wagen in die Anstalt gekommen. Sonst stammen die Mahlzeiten aus der JVA Weiterstadt und werden in den Zellen eingenommen, da es in Dieburg keinen Speisesaal gibt.

Insgesamt stellt die JVA sechs der zehn Mannschaften – fünf Gefangenen- und ein Bedienstetenteam. Die anderen Insassen dürfen als Zuschauer teilhaben. Aus Platzgründen dürfen die erste Hälfte des Turniers die Bewohner des einen Blocks, dann die des zweiten raus. Im Gänsemarsch kommen sie in Anstaltskleidung aus ihrem Trakt. Der Fußball interessiert nicht alle. Da mittlerweile in fast allen Bereichen der JVA Rauchverbot herrscht, drehen sich viele erstmal eine Zigarette.

Unendlich viele Fragen

Unter den Erloch-Kickern, von denen die meisten zwischen 16 und 18 Jahre alt sind, fällt einer aus der Reihe. Volkan ist 47 Jahre alt. „Ihn habe ich extra mitgenommen. Denn er hat schon mal hier gesessen und kann deshalb viele Fragen zum JVA-Leben beantworten“, sagt Ögretmen. Und Fragen gebe es unendlich viele, fügt er mit Blick auf die Jüngeren im Team hinzu. So erzählt Volkan, dass die Zellen eine dreieckige Form haben und sehr klein sind. Beschaffungskriminalität habe ihn einst hierher gebracht. „Über 20 Stunden ist man jeden Tag eingesperrt“, berichtet er.

„Ich bin froh, dass wir das hier mal betrachten können, sonst bekommt man das ja nicht zu sehen“, sagt Atta (16). Kontakt zu den Gefangenen hat er zu Beginn noch nicht: „Manche gucken und laufen weiter. Ich würde sie ansprechen, weiß aber nicht, wie sie reagieren“, meint er. „Das ist kein schöner Ort, weil man keine Freiheit hat“, bilanziert Kadir (15).

„Es geht hier um die Ehre“

Beim Turnier belegt das Erloch-Team den achten Platz, Erster werden die Handballer der TGS Seligenstadt I. Alle Spiele sind überaus fair verlaufen: „Den Insassen ist es wichtig, sich positiv zu präsentieren“, sagt Boettcher. Dass es Preise nur in symbolischer Form gibt, kann der Sportwart ebenfalls erklären: „Es geht hier um die Ehre und darum, eine andere Atmosphäre zu erleben.“

Den Nutzen des Turniers für Außenstehende bringt ein anderer Wärter auf den Punkt: „Wir wollen weg von der romantischen Verklärung des Knasts.“ Gerade bei den jüngeren Gästen sei es von Vorteil, dass diese sich von dem Gedanken lösen, dass hier alles lässige Freizeit sei. „Denn genau das Gegenteil ist der Fall“, so der Wärter: „Hier gibt es viel tote und lebensverschwendete Zeit.“

Quelle: op-online.de

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