Zuckmayer Gast der Stadt

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Mit viel Neuem, Wissenswertem und Informativem überraschte die ehemalige Stadtarchivarin Ria Fischer die Gäste.

Babenhausen ‐ Einmal im Jahr begrüßt der Wanderklub „Berg auf“ einen besonderen Gast: Dann kommt trotz ihrer bald 85 Jahre die ehemalige Stadtarchivarin Ria Fischer und führt durch die Geschichte Babenhausens. Von Michael Just

Wer die rüstige Historikerin kennt, weiß, dass sie nie eine trockene Abhandlung in petto hat, sondern stets auch kleine Geschichten und viel Erheiterndes mitbringt. So wurde es im kleinen Vereinsheim mit über 50 Besuchern richtig gemütlich. „Unsere Mitglieder hören gerne Geschichten von früher. Dabei steuern sie oft selbst noch etwas bei, so dass das ganze immer ein Dialog ist“, sagt der zweite Vorsitzender Horst Hardel.

Diesmal widmete sich Ria Fischer dem Thema Biografien und Tagebüchern, die von Babenhäusern oder über Babenhäuser aufgezeichnet wurden. „Biografisches hat es in der Menge hier nicht gegeben. In kleinbürgerlichen Verhältnissen war so etwas unüblich“, hob sie heraus. Insgesamt hatte sie rund ein halbes dutzend Werke dabei, die sie vorstellte und in Teilen anlas.

Geschichten aus der Zeit als Garnisonsstadt

Nach den Aufzeichnungen über die lokale Arztfamilie Michel wartete eine Überraschung: In Carl Zuckmayers berühmten Werk „Als wär‘s ein Stück von mir“ kommt ein Babenhäuser vor, mit dem der Autor im Ersten Weltkrieg im Schützengraben lag. Zuckmayer nennt den Namen zwar nicht, erzählt aber über einen Bierkutscher der Michelsbräu. Den Name hat die ehemalige Archivarin herausgefunden: „Das war der Georg Krapp aus der Amtsgasse“. Das Tragische: Krapp fiel 1915. Später besuchte Zuckmayer seine Familie sogar in Babenhausen.

Auch die langjährige Funktion der Stadt als Garnisonsstandort birgt Geschichten. Darunter die Aufzeichnungen eines deutschen Flagsoldaten, der vor dem Zweiten Weltkrieg hierher kam und vom Rathaus bei der stadtbekannten „Anna“ einquartiert wurde. „Die hat auch mal geröstete Bratkartoffel außer der Reihe gemacht“, weiß Fischer und ergänzt ein altes Sprichwort: „Führt der Weg zum Anna‘sche in die Mühlgasse 24 wird keine Butter ranzig.“

Lokalkolorit gab es zudem bei den Aufzeichnungen einer alten Flüchtlingsfrau, die nach dem Krieg von einer Babenhäuser Gemüsehändlerin, der „Langen Lisbeth“, selbstlose Unterstützung bekam. Auch hier blieb ein Anekdötchen nicht aus: „Die Autorin glaubte, die Frau hieß Lang. Dabei war der Name auf ihre lange Nase zurückzuführen.“ Wie Fischer heraushob assoziieren fast alle Aufzeichnungen mit Babenhausen stets etwas Positives, obwohl der Stadt oft ein anderer Ruf vorauseilt. „Leute, die erst nichts von uns wissen wollten, haben sich hier dann doch sehr wohl gefühlt, nachdem sie mit uns warm wurden und unsere Mentalität begriffen hatten.“

Informativer und unterhaltsamer Vortrag

Die letzte Biografie des Abends beleuchtete Friedrich Klein IV, der zweimal in Babenhausen – vor und nach dem Zweiten Weltkrieg – für etwa 20 Jahre Bürgermeister war. „Es geht mir jetzt ausschließlich um Informationen und nicht um eine moralische Wertung“, sagte Fischer zu der Tatsache, dass sich Klein vor den Karren der Nazis spannen ließ. Interessant: Mit seinem Tod spendete er sein ganzes Vermögen samt Haus der Stadt und verfügte, dort eine Schwesternstation mit zwei Pflegerinnen einzurichten. „Das war der Vorläufer unserer heutigen Sozialstation“, so Fischer.

Insgesamt bot die Rentnerin mit ihrem großen Wissensfundus einen informativen und unterhaltsamer Vortrag. Dass die bald 85-jährige dafür immer noch Zeit und Muse findet, bringt sie kurz und bündig auf den Punkt: „Ich habe nichts mehr zu verpassen. Das mache ich so als Erholung nebenbei.“

Quelle: op-online.de

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