Als Bankiers die Politiker finanzierten

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Aus dem „Glückshaus“ ihres verstorbenen Gatten Mayer Amschel Rothschild an der Frankfurter Judengasse bringen die alte Gudula (Anette Krämer) keine zehn Pferde mehr.

Wohin führt den Frankfurter, der aus der Fremde in die geliebte Geburtsstadt zurückkehrt, der erste Weg? Den einen zur Mutter, den anderen an die Börse: Da zeigen sich die Unterschiede... „Die fünf Frankfurter“, die Carl Rösslers Lustspiel den Titel geben, sind die Söhne des Bankiers Mayer Amschel Rothschild, dessen Vermögen sie mehren und dessen Witwe sie ehren. Von Markus Terhan

Diese Gudula, Lieblings- und letzte Rolle von Liesel Christ, ist Dreh- und Angelpunkt bei der aktuellen Inszenierung im Volkstheater. Die Premiere am 90. Geburtstag der 1996 gestorbenen Schauspielerin fand freundlichen Beifall.

Es ist ein Stück aus einer anderen Ära, als die Banken noch die Politik finanzierten und nicht umgekehrt. Freilich gegen Zinsen: „Jeder Händedruck von einem Regierenden ist Bargeld“ – Weisheiten wie diese gelten heute wie zur Zeit von Niederschrift (1911) und Handlung (1822).

Das Hessisch des in Berlin sozialisierten Wieners Rössler hat Hausautor Wolfgang Kaus der Wirklichkeit angepasst. Natascha Retschy, assistiert von Andreas Stöbener-Koch, hat schnörkellos und zügig inszeniert, mit viel Sinn für wirkungsvolle Auftritte und Abgänge sowie Schwerpunkt auf der Charakterzeichnung. Rainer Schönes detailfreudige Bühne dient ihrem Konzept ebenso wie die prächtigen Kostüme von Bärbel Christ-Heß und Claudia Rohde.

In der Christ-Partie verbindet Anette Krämer trockenen Mutterwitz mit gesundem Menschenverstand. Ihr ist das Erbe des Gatten nicht zu Kopf gestiegen. Bei ihren Sprösslingen, strategisch über die Finanzzentren der Epoche verteilt, ist das verschieden. Der Wiener Salomon (Steffen Wilhelm), der die Erhebung der jüdischen Familie in den Freiherrnstand erreicht hat, ist pure Geschäftstüchtigkeit; der Londoner Nathan (Thomas Hessdörfer) agiert als nüchterner Rechner; der Neapolitaner Carl (Thomas Koob) hat sich vom Dolce Vita anstecken lassen; der Frankfurter Anselm (Jochen Nötzelmann) macht den Bedenkenträger; der Pariser Jakob (Giovanni Romano) leistet sich Gefühle.

Auf dem Spielplan bis 5. Juni. Sonntag, 19. April, 11.30 Uhr, Liesel-Christ-Benefiz-Matinee

Das gilt auch für Salomons Tochter Betty (Nora Jokho sha), als Sicherung für einen Kredit an den verschwenderischen Herzog vom Taunus (Gabriel Spagna) eingeplant. Der ist dekadenter Adel wie der alte Fürst (Sonderapplaus für Urgestein Hans Zürn), seit Jahrhunderten dort, wo die Rothschilds hinwollen. Dass die nicht wie neureiche Emporkömmlinge, sondern mit ihren Eigenarten recht sympathisch wirken, ist keinesfalls die geringste Leistung eines kurzweiligen Abends!

Quelle: op-online.de

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