Barmherziger Bühnentod

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Im Griff des Machtmenschen: Erika Sunnegårdh als Tosca und Jason Howard als Scarpia auf der Bühne der Frankfurter Oper Foto: Monika Rittershaus

Frankfurt - Gewalt, Folter, Mord und eine Liebe bis in den Tod: Die Neuinszenierung von Puccinis „Tosca“ in der Oper Frankfurt geht unter die Haut. Von Klaus Ackermann

Weil Star-Regisseur Andreas Kriegenburg den Versimo beim Wort nimmt und eine grausame Tragödie realistisch verhandelt. Und weil Kirill Petrenko Puccinis Musik nicht als Beschönigung einer mörderischen Geschichte nutzt, sondern diese ohne Abstriche am hochemotionalen Melos auch expressionistischen Härten aussetzt. Unterstützt von einem Frankfurter Opernhaus- und Museumsorchester in Bestform und von Gesangssolisten Erika Sunnegårdh (Tosca) und Aleksandrs Antonenko (Cavaradossi), die stimmlich wie darstellerisch zu fesseln verstehen.

Ein großes Kreuz ziert die schier übermächtig wirkende Mauer des praktikablen hölzernen Bühnenbaus, dessen hermetische Geschlossenheit, mit nach oben verschiebbarer Decke und viel Plexiglas (Bühnenbild: Harald Thor) überwunden wird. Zum sperrigen Motiv des römischen Polizeichefs hangelt sich der aus der Engelsburg entflohene Angelotti (Vuyani Mlinde), Konsul der gestürzten römischen Republik, an der Wand entlang, um in einer Seitenkapelle seiner Familie Schutz zu suchen.

Szenische wie musikalische Überblendungen

Auslöser dieses knallharten Psychokrimis mit den genremäßigen Ingredienzen Politik, Machtrausch, Liebe und Hass, der sich auch ohne das deutsche Textband im Off unmittelbar mitteilen würde. Denn der erfahrene Schauspielregisseur Kriegenburg setzt auf körperbetontes Theater und eine Personenregie, die psychische Spannungsfelder bei Helden wie Schurken intensiviert. Es könnten Menschen von heute sein, die da um 1800 an staatlich-kirchlicher Allmacht und einem sadistischen Polizeichef zerbrechen.

Zumindest setzt die Gegenwart technisch Akzente, das Madonnenbild, das Cavaradossi erstellt, auch Grund für die Eifersucht seiner geliebten Tosca, ist aufs mächtige Kreuz projiziert und kann per Fernbedienung nach oben verschwinden. Der Künstler selbst hantiert mit einem Fotoapparat. So heiter der Auftritt des naiv gläubigen Messners (Franz Meyer mit stimmig-eloquentem Bariton), so beklemmend der Aufmarsch des Scarpia mit seinen Schergen, allesamt in Priester-ähnlichen Roben, auf der Suche nach Angelotti, den Cavaradossi versteckt hat. Und den vermeintlichen Sieg über Napoleon mit einem Te Deum feiernd: die Priester in Sonnenbrillen und ein wie stets stimmlich sehr präsenter Opernchor (Einstudierung: Matthias Köhler).

Dazu fallen Kriegenburgs szenische wie musikalische Überblendungen auf. Wenn Scarpia hinter Plexiglas seine Machtgelüste auslebt– Jason Howard mit tückisch schmeichelndem und drohendem Bariton, charakterlich etwas eindimensional – spielt auf der Terrasse ein Streichquartett eine Gavotte, während Tosca die Festkantate singt. Das wirkt klanglich ideal koordiniert. Denn Petrenko lotet die emotionalen Untiefen ebenso gründlich aus, wie er zwischen stabiler und dramatisch brisanter Linie orchestrale Nervenstränge wie unter einem Mikroskop vergrößert.

Noch am 21., 23., 27. und 29. Januar, Karten: 069/21249494

Garant für die Puccini-Schlager ist hier der Cavaradossi des jungen Spinto-Tenors Aleksandrs Antonenko, der trotz leichter Indisposition die Spitzentöne kraftvoll platziert, dessen Schmerzensschreie unter Folter noch melodisch anmuten und der seine Empfindungen in feiner Kopfstimme kultiviert. Eine starke Frau mit mädchenhaften Zügen ist die Tosca der Erika Sunnegårdh, deren silbriger, gefühlvoll insistierender Sopran sich kraftvoll in dramatische Höhen schraubt. Die sich per Todesstich ihres Peinigers entledigt, aber den Geliebten nicht retten kann. Der immer etwas peinliche selbstmörderische Sprung von der Engelsburg weicht hier einem stimmigeren Bild: Ein blutrotes Tuch fällt vom Bühnenhimmel und begräbt die Unselige unter sich.

Es bedarf keines Propheten, um auch dieser musikalisch profunden und szenisch krampffreien „Tosca“ an der Oper Frankfurt ein langes Bühnenleben zu prophezeien.

Quelle: op-online.de

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