„Verheiratung is e Mordgeschäft“

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„Mir gebbe nix“: Michael Quast ist der Geizige.

Frankfurt - Der Quast! Da steht er wieder auf der Bühne, wie immer wird Molière auf hessisch gespielt, diesmal „Der Geizige“. Von Stefan Michalzik

Einmal mehr gibt Quast mit einer schier unerschöpflichen Emphase eine grantelnde Type, die sich fortwährend echauffiert, ob der ihn selbstquälerisch umtreibenden Sorge um seines Geldes wegen stets auf der Hut, mit verkrampftem Gesicht und Oberkörper.

„Barock am Main“ ist ein Dauerläufer. Das von dem Schauspieler Michael Quast aufgebaute Festival vor der Readymade-Kulisse des Bolongaro-Palasts im Frankfurter Stadtteil Höchst geht in seine achte Saison, und es steht zu erwarten, dass wiederum das Publikum strömen wird. Wurden früher die einst Maßstäbe für ein zeitgenössisches Volkstheater setzenden Molièreübertragungen des inzwischen verstorbenen Dramatikers Wolfgang Deichsel gespielt, geht nun die hessische Fassung des „Geizigen“ auf Rainer Dachselt zurück, der sprachlich nicht minder gewandt mit dem Bühnensüdhessisch umzugehen vermag. Die Prosa des Originals hat er in Blankverse umgemünzt.

Verheiratung ist „e Mordsgeschäft“, sagt der so wohlhabende wie geizige Krall - so heißt der bei der Uraufführung 1688 in Paris von Molière selbst gespielte Harpagon bei Dachselt. Darum trachtet er danach, seine Tochter Elise (Katerina Zemankova) und seinen Sohn Martin (Philipp Hunscha) vorteilhaft zu verschachern, die Tochter an den reichen Anselm Gutwirt, der „noch kaa sechzisch“ ist; beide wollen natürlich nach eigener Fasson lieben und heiraten. Molière bedient sich des klassischen Handlungsmusters der Komödie und hebt es dramaturgisch gleichsam über sich selber hinaus. Grenzen zwischen gut und böse, tragisch und komisch verschwimmen. Die verderbliche Wirkung des Geldes hat letztlich alle erfasst in diesem Stück, das nicht in Adelskreisen sondern im sich seinerzeit gerade konstituierenden Bürgertum spielt, dem Molière einen Spiegel vorhält.

TV-Choleriker ist Star bei Barock am Main

Als Choleriker Gernot Hassknecht ist Hans-Joachim Heist aus der „heute show“ des ZDF bekannt. Im Höchster Bolongaropalast gibt er bei Barock am Main in der Molière-Komödie „Der Geizige" den Kommissar - als waschechter Hesse sogar in lupenreiner Mundart.

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Und uns auch. Der Aktualisierung bedarf es nicht, Textbearbeitung und Inszenierung (Regie: Sarah Groß) enthalten sich klugerweise wohlfeiler Anspielungen, offenkundig genug sind die Bezüge in einer Zeit, in der die Krise zum Dauerzustand gerinnt. Man kennt das alles natürlich schon: Ein gleichsam historisierendes, nicht aber museales Perücken- und Weißgesichtertheater (Ausstattung: Ilse Träbing) mit stilisierter Mimik und Gestik, praktisch wie eine fortwährende Abfolge je nach den situativen Affekten wechselnder Charaktermasken. Viel Gedöns und Aufgeregtheiten, garniert mit weidlich possierlichen Vokabeln und Sprüchen: „Der gibt nix ab, noch net emal de Löffel“.

Ein starkes Ensemble ist hier beisammen. Szene um Szene stehen Michael Quasts Krall gleichgewichtige Antipoden und Widersacher gegenüber: Matthias Scheuring ist als Diener Nickel ein dickleibig-launiger Kontrahent, Alexander J. Beck wechselt dauernd behände zwischen den Rollen des Kochs und des Kutschers; Katerina Zemankova und Philipp Hunscha als die beiden Kinder Kralls, Hildburg Schmidt als Kupplerin, Peter Schlapp als Anselm Gutwirt, der am Schluss - wie anders als mit Geld? - für Erlösung aus dem Schlamassel sorgt.

Man kennt das alles gut - und sitzt da und lacht: Es funktioniert nach wie vor. Wenn Quasts Fliegende Volksbühne erst einmal in ihrem geplanten Haus in Sachsenhausen anlandet, wird natürlich eine große Bandbreite modernen Volkstheaters den Spielplan prägen. „Barock am Main“ aber ist gleichsam eine Keimzelle, die das Vertrauen in das entstehende Theater begründet, nicht zuletzt auch des großartigen Ensembles wegen.

Weitere Aufführungen bis 2. September.

Quelle: op-online.de

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