Bauhaus-Impulse aus Offenbach

Das Bauhaus feiert in diesem Jahr sein 90-Jahre-Jubiläum. Eine prägende Gestalt der Weimarer Kunst- und Designbewegung stammt aus Offenbach – der Leuchtengestalter Christian Dell. Am 24. Februar 1893 geboren, begann der 14-Jährige 1907 eine Lehre als Silberschmied und Monteur bei der Silberwarenfabrik J. D. Schleissner & Söhne in Hanau.

Von 1926 bis 1933 unterrichtete er an der Werkkunstschule in Frankfurt. Am 18. Juli 1974 starb Dell in Wiesbaden. Die wohl bedeutendste Zeit seines beruflichen Lebens verbrachte er außerhalb Hessens als Meister der Bauhaus-Metallwerkstatt, die er – wie sich Bauhaus-Gründer Walter Gropius einmal äußerte – in den Jahren 1922 bis 1925 „aus kleinen Anfängen zur Blüte gebracht“.

Dells beruflicher Werdegang begann in einer Zeit, als das Handwerk immer noch eine bedeutende Rolle spielte, aber sich gleichzeitig der Beginn der industriellen Massenfertigung abzeichnete. Während seiner Lehrzeit und danach bildete er sich in der Zeichenakademie bei August Bock in Hammer- und Montierarbeiten weiter sowie in den Feldern Projektionslehre und Perspektive bei dem Maler Richard Estler.

1912 wechselte er zur Silberwarenfabrik und Erzgießerei Hermann Behrnd Nachf. Georg Bormann Dresden, wo er als Geselle für Hammer- und Montierarbeiten arbeitete. Er muss der Fachöffentlichkeit aufgefallen sein. Denn im Januar 1913 erhielt Dell von keinem geringeren als Henry van de Velde die Berufung an die Großherzoglich-Sächsische Kunstgewerbeschule in Weimar. Er folgte diesem Ruf, der, wie sich erst später zeigen sollte, sein weiteres berufliches Schicksal bestimmte. Nach Ende des Ersten Weltkriegs ging Dell nach München, dann nach Berlin, um 1920 aufgrund der „ihm unerträglichen Verhältnisse“ an die Staatliche Zeichenakademie zurückzukehren, als Meisterschüler von August Bock. 1922 wurde Dell angeboten, die Metallwerkstatt des Staatlichen Bauhauses in Weimar zu übernehmen, die übergangsweise Paul Klee und Oskar Schlemmer inne hatten.

Dell arbeitete dort mit bedeutenden Künstlern zusammen, unterrichtete erfolgreiche Schüler wie Wilhelm Wagenfeld, der später zu den bekanntesten Leuchten-Designern zählte, entwarf Silbergerät und prägte in entscheidender Weise die industrielle Leuchtengestaltung der 20er und 30er Jahre. Seine Entwürfe zählen zu den Design-Klassikern des 20. Jahrhunderts.

Nach der Auflösung des Bauhauses in Weimar beziehungsweise dessen Verlegung nach Dessau im April 1925 bewarb sich Dell um die Leitung der Metallwerkstatt an der Frankfurter Kunstschule, die er 1926 übernahm. Damals zählte Frankfurt zu den sozial- und kulturpolitisch fortschrittlichsten Städten Deutschlands. Unter dem Leitziel vom „Neuen Frankfurt“ wurden zeitgleich Ideen in den Feldern Architektur, Planung und Gestaltung entwickelt und verwirklicht, die mit den Bauhaus-Idealen aufs Engste verbunden waren. Die Berufung Dells und weiterer Bauhäusler erlaubte eine enge Verzahnung mit dem Hochbauamt, geleitet von Ernst May.

In den sieben Jahren seiner Frankfurter Tätigkeit knüpfte Dell an die Tradition der Bauhauslehre an und fand zu einem persönlichen Stil, der sich vor allem in der Leuchten-Entwicklung zeigt. Es gelang ihm, Lampenmodelle und Beleuchtungstypen zu entwickeln, die von der Industrie aufgegriffen und in Serie hergestellt wurden. Dazu zählten besonders die Leuchten „Rondella“ und „Rondella-Polo“ sowie die „Dell-Lampe Type K“, die im Zusammenhang mit den Musterwohnungen des „Neuen Frankfurt“ internationale Anerkennung erlangten.

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 beendete die Tätigkeit Dells und weiterer Persönlichkeiten wie Wichert, Beckmann, Baumeister und Schuster. Seine Entlassung bedeutete für Dell den Abbruch seiner Entwicklung auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Er zog sich nach Bad Wiessee am Tegernsee zurück.

In dieser Zeit begann die intensive Zusammenarbeit mir der Firma Gebr. Kaiser & Co. in Neheim-Hüsten. Im Rahmen einer freien Tätigkeit wurde ihm die Aufgabe übertragen, eine neue Produktlinie für Arbeits- und Zweckleuchten zu entwickeln. So entstand die Kollektion mit dem Qualitätssiegel „Original-Kaiser-idell“, das sich aus dem Wort Idee, dem Namen des Designers und des Herstellers zusammensetzt. Diese Kollektion verhalf der Firma in späteren Jahren zu hohem Ansehen. Mit dem Metallreflektor brachte Dell eine umwälzende Neuerung für Arbeitslampen, deren Entwürfe die Firma Kaiser 1935/1936 sofort kaufte.

1942 nahm Dell in Wiesbaden seine Tätigkeit als Silberschmied wieder auf. Als die Aufträge sich mehrten, entschloss er sich 1948 mit seinem Sohn zum Aufbau eines Geschäfts in der Goldgasse der Wiesbadener Innenstadt. 1954 gab Christian Dell diesen Laden aus unbekannten Gründen auf, sicherte sich aber bis ins hohe Alter seinen Lebensunterhalt mit Silberschmiedearbeiten.

BRUNHILDE RITZEFELD

Quelle: op-online.de

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