Das Bayerische zum Tanzen gebracht

Ohne Valentin-Nase geht gar nichts. Foto: Wolfgang Runkel

Mit Karl Valentin tut sich das Theater schwer. Eng ist die Sprache mit dem bayerischen Idiom verknüpft. Die Komik scheint untrennbar mit der Physiognomie ihres Urhebers verbunden. Valentin war auch ein Pionier des Medienzeitalters. Viele Stücke sind in Ton und Film überliefert. Dem Fortwirken auf der Bühne geriet das zum Fluch. Zu nah liegt die Valentinade, die Reduktion aufs Possierliche.

Harmlos aber ist Valentin, der Anfang des 20. Jahrhunderts das Volkssängertum der Münchner Vorstädte in die Moderne überführte, gewiss nicht gewesen.

Die Texte von der Person zu lösen ist nicht das Ansinnen Tomas Schweigens, der in der Schmidtstraßen-Dependance des Frankfurter Schauspiels „Die Valentin-Methode. Ein Humorlabor“ inszenierte. Sechs Schauspielerinnen und Schauspieler tragen Valentin-Nasen. Sie forschen an Valentin und seinem Humor, der ja einzigartig geblieben ist. Er sucht nicht die Pointe, alles Krachende ist ihm fern. Selten gibt es ein rechtes Ende: Es geht immer so weiter in dieser beschädigten Welt, in der sich einer erst mal zurecht finden soll.

In schlicht genialer Anordnung wechselt das in Gruppen aufgeteilte Publikum zwischen vier thematisch den Wirkungsfeldern Valentins zugeordneten Räumen. In der Singspielhalle, einem von Susanne Hiller im Zeitstil nachgebauten Wirtshaustheater, bildet die für Liesl Karlstadt geschriebene Szene „Der Firmling“ den Grundstrang. Alle Texte sind fragmentiert. Zum Firmling wird die Entstehungsgeschichte erzählt.

Den ganzen Abend meldet sich immer wieder Buchbinder Wanninger. Figuren sind plötzlich gedoppelt. Die Schauspieler wechseln zwischen Räumen und Rollen. Textstellen und Musik von nebenan dringen herüber. Im Radiostudio, man sitzt mit Kopfhörern einer Sprecherkabine gegenüber, treffen sich zur kabarettistisch aufgefächerten Expertenrunde Bert Brecht, Hermann Hesse und Kurt Tucholsky mit ihren Äußerungen zu Valentin.

Zuerst ist das der seltene Fall einer eigens zu lobpreisenden logistischen Leistung. Zu rühmen ist sie aber, weil es sich um viel mehr handelt, eine großartige Theaterkomposition. Regisseur Schweigen belässt Valentin umkreisend in seinem Kosmos und kommt ihm dergestalt nahe. Die Schauspieler sind virtuos gefordert, sie gehen damit so animiert wie diszipliniert um. Nicht jedes Geheimnis muss aufgeklärt werden; auch das eine Qualität des an Qualitäten überreichen Abends. Zum Schluss, wenn schon mehrfach gehörte Sätze von fern ein weiteres Mal zu hören sind, ist es dem Collagentheater gelungen, Valentins Sprache zum Tanzen zu bringen. Mehr ist kaum zu erreichen! STEFAN MICHALZIK

Auch am 11. und 21. März

Quelle: op-online.de

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