Vom Pedanten zum Pop-Sänger

Bayreuth - Halbe Sachen sind nicht Katharina Wagners Ding. Und so hat Bayreuths Jung-Managerin die „Meistersinger“ ihres Urgroßvaters gründlich entstaubt. Von Klaus Ackermann

Ihrem Regie-Besen fiel selbst der Wagner-Clan mit seiner wechselhaften Geschichte zum Opfer, kopflastige Schwellköpfe, die vor der Festwiese einen Can Can tanzen müssen – darunter ein Kopf schüttelnder Richard Wagner.

Viel Gereimtes und auch Ungereimtes passiert da auf der Bühne, mit agilen Sängerdarstellern und Neuling Burkhard Fritz als Stolzing an der Spitze, einem einsatzkräftigen und spielstarken Chor sowie einem Festspielorchester, das mit Sebastian Weigle die Bravos verdient hatte. Allein die tapfere Katharina Wagner musste wieder ein Buh-Gewitter über sich ergehen lassen, von der starken Beifall-Fraktion kaum zu übertönen.

Szenisch viel beschäftigter Chor

Schon im Vorspiel findet der Frankfurter Generalmusikdirektor eine gute Balance zwischen kernigen Fanfaren, zartem Liebesmelos und den Motiven, wie klingende Visitenkarten der Helden. Hörner-Milde und Blechbläser-Triumph, meckernde oder lustvoll singende Holzbläser, unterfüttert von samtigen Streichern – Weigle federt die rhythmischen Impulse dieser kunstvollen wie populären Wagner-Musik ideal aus. Und kann sich auf einen szenisch viel beschäftigten Chor (Einstudierung: Eberhard Friedrich) verlassen, der mächtig Druck macht, wie er gesangliche Wärme abstrahlt. Dass die musikalischen Stellschrauben zur Bühne sich zweimal leicht lockern, ist bei diesen Distanzen kaum vermeidbar.

Auf der Festspielbühne mit ihren vertrauten Bauten und Nischen, in denen immer etwas los ist, herrscht das eiserne Prinzip Ordnung. Alles dreht sich um Regeln und Rituale, die teils köstlich karikiert werden. In diese nahezu pervertierte Tradition bricht ein junger Wilder ein, um Eva zu erobern, die menschliche Trophäe eines Meisterlied-Wettstreits. Und trifft dabei nicht nur auf den für seine kreativen Impulse empfänglichen Meistersinger, Schuster und Poeten. Auch der Singschul-Regelbewahrer Beckmesser wird zum großen, letztlich chancenlosen Konkurrenten um Evas Gunst.

Es regnet und gießt Farbe

Sein Werben per Ständchen endet in einem Fiasko, jener Prügelszene, bei der die friedfertige Regisseurin völlig ohne Schläge auskommt: Erst regnet es Schuhe vom Bühnenhimmel, dann gießt es Farbe aus Warhols Campbell-Dosen. Dem Spuk ein Ende bereitet Nachtwächter Friedemann Röthig mit sonorem Bass. Den ungestümen Stolzing domestizieren, der alle Gefühle in heftige Pinseleien umsetzt und selbst fürs Preislied eine visuell-künstlerische Ergänzung bereit hält, kann einzig Sachs, der philosophierende Handwerker („Das ganze Leben ist Wahn“), der vom Bohemien-Dasein zur Meistersinger-Disziplin zurückfindet. James Rutherfords lagenstabiler Bariton transportiert stimmlich seine in langwierigen Monologen ausgebreiteten Gedanken und Gefühle unmittelbar. Auch die des agilen Sängerwettstreits-Managers.

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Sommersingen

Und Burkhard Fritz als Stolzing brilliert mit einem hellen, dennoch kernigen Tenor, der im Preislied innige Töne anschlägt. Etwas kehlig wirkt Michaela Kaunes Sopran, dennoch eine bezaubernde Eva. Ein sympathisches Paar sind Carola Guber als Magdalena und der ständig dem Stolzing hinterher räumende Norbert Ernst, dessen stimmschöner Tenor dem Lehrbuben-Status längst verlassen hat. Letztlich gehören neben dem Bassisten Georg Zeppenfeld (Evas Vater Veit Bogner) einem entwicklungsfähigen Beckmesser viele Sympathien, der sich vom Pedanten zum erfolglosen Pop-Sänger mausert: Bariton Adrian Eröd geht da auch stimmlich durch ein Wechselbad der Empfindungen. Und zum Finale noch ein Klotz: Wenn Sachs „Zerging im Dunst das heil‘ge römische Reich, uns bliebe gleich die heilig deutsche Kunst“ singt, erscheinen zwei martialische, dem Bildhauer Breker nachempfundene Figuren aus dem Bühnenboden. Starke Bilder, von einer starken Frau.

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © pixelio.de/Goeke Bross

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