Tanz unter der Analyse-Lupe

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Die Tänzer Angie Hauser und Darrell Jones sind zugleich wunderbar versierte Schauspieler. - Foto:

Frankfurt - Wenn man mit einem naiven Blick an die Sache herangehen und sich einfach an das halten würde, was dieser Abend tänzerisch auf der Bühne bietet, dann würde er sich vor allem als eine Reihung von Pas de deux darstellen. Von Stefan Michalzik

Die Tanzsprache lässt unzweifelhaft den prägenden Einfluss von William Forsythe erkennen, eigenständig wirkt sie aber. Bisweilen tritt einer der beiden Tänzer mit einem Solo hervor; alles wirkt harmonisch und gut durchkomponiert. Es ist bar irritierender oder gar verstörender Momente.

Ohne eine kontextualisierende Beimengung ließe es sich schwerlich erahnen, dass es sich gleichsam um Metatanz handelt. Die afroamerikanische Choreografin Bebe Miller, deren Stück „A History“ im Zuge des Motion-Bank-Projekts der Forsythe Company im Frankfurt-LAB als Work-in-Progress-Performance zu sehen ist, hat mit dem Tanzpaar Angie Hauser und Darrell Jones ein Forschungsprojekt auf langer zeitlicher Distanz durchgeführt.

Dem Programmheft ist zu entnehmen, dass es um „interdisziplinäre Bewegungsanalyse“ gehen soll; ein „Team von Webdesignern und Programmierern“ ist beteiligt. Es gehe um Erinnerung, bis zurück zur gemeinsamen Entwicklung von Millers Stück „Verge“ im Jahr 2001. Angestrebt sei es, dem Publikum einen Einblick in den kreativen Prozess der Erarbeitung eines Tanzstücks zu geben.

Das gelingt nicht. Über Videoprojektionen auf der linken Seite der weiten weißen, mit kaum mehr als einem Holztisch und zwei Stühlen ausgestatteten Bühne werden Aufnahmen aus Proben eingespielt, einmal greift darin die Choreografin unmittelbar ein. Andere Bilder sind von vornherein speziell auf die filmische Form hin angelegt: Die beiden Tänzer liegen in einem Doppelbett, vor einer großflächigen Fensterkulisse von Natur, die an die Gebäude des amerikanischen Architekten Frank Lloyd Wright denken lässt. Wie schon zuvor auf der Bühne lassen sie sich etwas über Kopfhörer einflüstern, das kurzzeitig einmal als ein wortentleertes Geräusch von Sprache offengelegt worden ist.

„Remembering remembering“ – erinnern erinnern – heißt es immer wieder in den eingeblendeten Schrifttafeln. Doch bleibt der Prozess der Körpererinnerung schemenhaft und unerfahrbar. Es gibt einen gewissen Anteil von Comedy; gerade in den Momenten einer liebevoll-spielerischen Neckerei ist eine Darstellung klassischer Geschlechterrollen – er ist immer der neckende Teil, sie die Dulderin – im kritisch-aufzeigenden Impetus nicht zu übersehen. Ohne die Bühnenpräsenz der beiden wunderbaren Tänzer, die wie ein jeder Akteur im zeitgenössischen Tanz zugleich versierte Schauspieler sind, wäre dieses Stück nichts. Wenn Bebe Miller dem eigenen Anspruch tatsächlich gerecht werden will, braucht es noch weidlich Progress in Work, viel Fortschritt in der Arbeit.

Quelle: op-online.de

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