Befreiender Tanz

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Höchste Körperbeherrschung zeigen die Tänzer des Alvin Ailey American Dance Theater.

Berlin - Glauben, Zweifel, Hoffnung, Katharsis – getanzt. Elementare Gefühle, denen muskelbepackte junge Menschen eine ansehnliche körperliche Form geben. Die Hände in die Höhe gereckt, flehend, suchend, voller Konzentration und Präzision. Von Veronika Szeherova

Dann die reinste Lebensfreude, vermittelt durch eine verklärte Zeitreise in die Südstaaten der USA: Unschuldig weiße Kleider, Hüte, lächelnde Gesichter. Das Stück „Revelations“ (Offenbarungen), ein „getanztes Gebet“ zu Gospelmusik, ist der Abschluss und Höhepunkt der aktuellen Darbietung des Alvin Ailey American Dance Theater (AAADT). Die Premiere in Berlin wurde frenetisch gefeiert. Nun tourt die Compagnie durch Deutschland und die Schweiz, und ist vom 16. bis 21. August auch in der Alten Oper Frankfurt zu Gast.

  „This is America“, sagte US-Botschafter Philip D. Murphy bei der Premierenfeier. Das AAADT trägt den offiziellen Titel „Kulturbotschafter für die Welt“ – und hat tatsächlich eine interessante Geschichte, die uramerikanische Elemente in sich birgt: Auf der einen Seite das Streben nach Glück und Freiheit, auf der anderen eklatanter Rassismus. Gründer Alvin Ailey, 1931 in Texas geboren, wuchs im ländlichen Süden der USA auf. Früh war er fasziniert vom Tanz. Rassentrennung machte aber auch vor Tanzschulen nicht halt. So prägten ihn vor allem sonntägliche Kirchenbesuche: bei Gospelgesängen und Tanz fanden die Menschen Freude und Zusammenhalt.

Verarbeitung von Kindheitserlebnissen

Im Lester Horton Dance Theater, der ersten Tanzeinrichtung in den USA, die Schwarze und Weiße nicht trennte, absolvierte er eine professionelle Ausbildung. 1958 trat Ailey mit einer Gruppe junger farbiger Tänzer zum ersten Mal in New York vor Publikum unter dem Namen Alvin Ailey American Dance Theater auf. Zwei Jahre später schuf er das Stück „Revelations“ – seine Art der Verarbeitung von Kindheitserlebnissen, der Liebe zu Gospels, zum Tanz, zu Gott. Damit gelang der Compagnie der internationale Durchbruch. Auch heute, 22 Jahre nach Aileys Tod, ist eine Aufführung ohne die „Offenbarungen“ undenkbar. Es ist das meistgesehene Tanzstück des 20. Jahrhunderts, ein lebendiger Klassiker des Modern Dance.

Mit einem solchen Erbe umzugehen, und trotzdem nicht in der Vergangenheit stehen zu bleiben, das ist die Herausforderung, der sich der frischgebackene künstlerische Leiter Robert Battle stellen muss. Erst Anfang Juli dieses Jahres hat er das Amt von Judith Jamison übernommen, einer engen Vertrauten Alvin Aileys. „Es ist ein feiner Grat“, sagt der smarte Choreograf mit dem entwaffnenden Lächeln. „Veränderung nur um der Veränderung willen ist gefährlich.“

„Ein Gefühl der Überwältigung“

Eine Veränderung fällt auf den ersten Blick auf: Die Compagnie ist nicht mehr ausschließlich schwarz. „Unsere Schulen sind offen für Tänzer aller Hautfarben und jeder sozialen Schicht“, sagt Battle, doch auch dabei wolle man die Tradition nicht vergessen. „Wir bleiben eine Compagnie hauptsächlich von Afro-Amerikanern, wie es unserem Image entspricht.“ Battle hat immer das Publikum und dessen Erwartungshaltung im Hinterkopf. Er will es einbinden, ihm starke Gefühle vermitteln – und er weiß, dass es ohne „Revelations“ nicht geht: „Auch für nicht-religiöse Menschen ist es etwas Besonderes. Es beschreibt ein Gefühl der Überwältigung, der Befreiung, jeder nimmt dabei etwas mit.“

Vom 16. bis 21. August in der Frankfurter Alten Oper. Karten im Vorverkauf unter Tel: 069/1340400

Doch sehenswert sind auch die neueren Stücke, die in Frankfurt gezeigt werden, und die Battle mit entwickelt hat: „Love Stories“, „The Hunt“ und „Takademe“. Letzteres nur drei Minuten lang, die Musik ein einprägsamer Silbengesang zu Rhythmen des indischen Kathak-Tanzes.

Quelle: op-online.de

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