Ein Akt der Befreiung

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We don‘t need no education, sondern Freiheit. Das Ensemble von „Spring Awakening“ im Einsatz.

Die Kinder bringt der Storch. Für eine Schwangerschaft bedarf es der Heirat, großer Liebe sowie eines bestimmten Alters jenseits der Jugend. Und gegen den Hormonstau hilft eine kalte Dusche. Von Christian Riethmüller

Derart aufgeklärt können Jugendliche unbesorgt ihre Pubertät ausleben und des „Frühlings Erwachen“ genießen. Wohin eine verklemmte Sexualmoral führen kann, hat der deutsche Autor Frank Wedekind (1864-1918) in seinem gesellschaftskritisch-satirischen Drama „Frühlings Erwachen“ eindrucksvoll vorgeführt, freilich aber auf seine Zeit und die Zustände im Wilhelminischen Deutschland angespielt.

Heute sind alte Kaiser Fußballlegenden und die Jugend vielleicht zwar nicht befriedigt, aber gewiss doch übersexualisiert. Ein Stück über die Nöte Pubertierender an der Schwelle zum Erwachsenwerden könnte deshalb angesichts des heute oft nur einen Klick weit entfernten Sexangebots als verstaubt und gestrig angesehen werden. Doch keineswegs. Die Gefühlswelt in Körpern und Köpfen spielt einfach verrückt, wenn man 14 ist, egal ob nun im Jahr 2010 oder im späten 19. Jahrhundert.

Zwischen Verlangen und Unterdrückung

In dieser Zeit - 1891 - ist auch das amerikanische Rockmusical „Spring Awakening“ angesiedelt, zu dem Steven Sater nach Wedekinds Vorlage das Buch beisteuerte und der Singer/Songwriter Duncan Sheik die Musik komponierte. Das im Mai 2006 in New York uraufgeführte Musical war ein großer Erfolg am Broadway, wurde mit acht „Tonys“ ausgezeichnet und ist nun in einer flotten Inszenierung vonRyan McBryde erstmals in Deutschland im English Theatre Frankfurt zu sehen.

Auf der von Diego Pitarch mit überdimensionierten Schultafeln eingefassten Bühne durchleben Wendla Bergmann (Devon Elise Johnson), Melchior Gabor (Craig Mather), Moritz Stiefel (Greg Fossard) und all die anderen Mädchen und Jungen jenen unheilvollen Reigen zwischen Verlangen und Unterdrückung, der schließlich in der Tragödie endet.

Weitere Aufführungen von „Spring Awakening“ bis 13. Februar 2011

Die Rebellion gegen die letztlich gesichtslose Erwachsenenwelt (Jane Stanton und Matthew Carter spielen alle Erwachsenenrollen) scheitert zwar, doch ist das extrem junge, gerade von den Schauspielschulen abgegangene Ensemble mit solchem Eifer und solcher Stimmkraft bei der Sache, dass hier nachgerade ein Akt der Befreiung begangen wird. Wenn Sheiks Songs manchmal an „Tommy“ von The Who erinnern, ist das nicht die verkehrteste Assoziation. Dort geht es schließlich auch um Befreiung.

Quelle: op-online.de

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