Begegnung mit einem Phantom

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Maria Magdalena aus Nördlingens St. Georg.

Frankfurt - Jahrhunderte lang glich der niederländische Bildhauer Niclaus Gerhaert von Leyden einem Phantom: sein Geburtsdatum wird um 1430 angenommen, der Geburtsort Leiden ist nicht gesichert. Über Lehr- und Gesellenzeit fehlt jede Nachricht. Von Reinhold Gries

Fassbar wurde Gerhaert erstmals 1462 in Trier durch das signierte Grabmal Jakobs von Sierck, des Reichskanzlers Friedrichs III. Der selbe Kaiser rief den von 1463 bis 1467 in Straßburg Wirkenden dann an seinen Hof in der Wiener Neustadt.

Selbstbildnis aus Straßburgs Musée de l"Oeuvre Notre-Dame.

Dass man Gerhaert nun im Frankfurter Liebieghaus als stilprägenden Künstler des späten Mittelalters kennenlernt, oft in neuen Zuschreibungen aus Stein und Holz, ist die erste Überraschung. Die zweite ist, wie dynamisch und expressiv seine frei gewendeten Körper im Raum stehen. Zu danken ist das vierwöchiger Pionierarbeit von Restaurator Harald Theiss und Kurator Stefan Roller in Nördlingens St. Georgskirche. Sie lüfteten das Geheimnis um den „rheinischen Meister aus Köln“: Die herrlichen Skulpturen des hl. Georg und der hl. Maria Magdalena (1462?) stammen von Gerhaert bzw. aus seiner Straßburger Werkstatt.

Burgundische Brokatornamentik mit zerklüfteter Lockenpracht

Die Kostbarkeiten leuchten nun vor tiefblauer Museumswand in originaler Farbigkeit auf, von Schmutz und Fehlstellen befreit. Sie vereinen burgundische Brokatornamentik mit zerklüfteter Lockenpracht und bizarr gesetztem Faltenwurf. Der „Weiche Stil“ der Madonnen ist auch bei der anderen Magdalenenfigur aus Straßburg vorbei. Virtuose Durchbrüche und Hinterschneidungen des Holzkorpus wie die Lebensnähe der Figuren wurden Vorbild für berühmte Nachfolger wie Michael Pacher, Veit Stoss oder Tilman Riemenschneider.

Im Großen Saal sieht man sich einem Wald von fünfzig qualitätsvollen Nachfolge-Skulpturen gegenüber, die noch nie gemeinsam zu sehen waren. Da kann man rätseln, wie viel die aus New York gekommene „Rothschild“-Madonna, die Straßburger Anna-Selbdritt-Gruppe oder die Hausmadonna von Veit Stoß mit Gerhaerts Vorbildern zu tun haben. Eindeutig von Gerhaert stammen steinerne Portalköpfe der zerstörten Neuen Straßburger Kanzlei. Der charaktervoll-bärtige, von Farbschichten befreite Prophet könnte Stadtvogt Jakob von Lichtenberg sein, die daneben sibyllinisch lächelnde Schönheit dessen Mätresse Bärbel von Ottenheim. Der Zeit voraus ist Gerhaerts sinnierende Straßburger Halbfigur aus Stein (1463?), vital bis in die Hautoberfläche. Sie könnte sein bartloses Selbstbildnis sein.

Gerhaerts Grabanlage für einen Geistlichen im Straßburger Münster oder sein Kruzifix der Stiftskirche Baden-Baden sind als Pariser Abgüsse anwesend, seine Kaisergrabplatten aus Wiens Stephansdom und die „Dangolsheimer Madonna“ aus Berlin auf Monitoren. Daneben stehen Stein- und Schnitzwerke aus Straßburger oder Wiener Werkstatt: die Verkündigungsgruppe der Wiener Hofburg, die Weihnachtsszene des Amsterdamer Rijksmuseums, die Weißenburger Heiligenfiguren aus New York und Chikago, der realistische Männerkopf mit der Gesichtslähmung, die Hamburger Sandstein-Madonna, die Johannesschüssel, das Christuskind mit der Weintraube sowie eindrucksvolle Schmerzensmänner, Trauben-, Mondsichel- und Schutzmantelmadonnen aus Gerhaerts Nachfolge – vor allem vom „Meister der Krakauer Taufe“, vom Straßburger Hans Kamensetzer und Ulmer Michel Erhart.

„Niclaus Gerhaert – Der Bildhauer des Mittelalters“ bis 4. März 2012 im Liebieghaus Frankfurt. Geöffnet: Dienstag, Freitag bis Sonntag von 10-18 Uhr, Mittwoch und Donnerstag bis 21 Uhr .

Quelle: op-online.de

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