Begegnung mit Gespenstern der Vergangenheit

Frankfurt - Im Jahr 1990, unter dem noch frischen Eindruck des Mauerfalls, inszenierte Heiner Müller am Deutschen Theater in Berlin den Shakespeareschen „Hamlet“ mit Ulrich Mühe in der Hauptrolle,  Von Sebastian Hansen

Dabei streute Heiner Müller neben vielem anderen Material Brocken aus seiner eigenen „Hamletmaschine“ ein und brauchte für dieses denkwürdige Theaterereignis acht Stunden.

2007, knapp zwanzig Jahre später, nahm sich der Regisseur Dimiter Gotscheff am gleichen Haus die neun Textseiten der „Hamletmaschine“ vor. Gänzlich andersgeartet ist die kaum eine Stunde dauernde Inszenierung, die der zuvor als Chefdramaturg in Berlin tätige Frankfurter Intendant Oliver Reese nun als Übernahme an die Kammerspiele des Schauspiels geholt hat – und doch keineswegs minder eindrücklich.

Der ungarischstämmige Regisseur selbst ist die zentrale Figur. Die neun Druckseiten lange, frei-assoziative Shakespeare-Variation, die Heiner Müller 1977 vor dem historischen Hintergrund des Kalten Krieges und des Sozialismus verfasst hat, ist blockhaft aufgebaut, Dialoge gibt es keine.

Die mild akzentgebrochene, durch einen wunderbar produktiven schauspielhandwerklichen Dilettantismus gekennzeichnete Redeweise Dimiter Gotscheffs ist eine des Anhaltens der Zeit – derweil das mit dem Lauf der Geschichte nicht möglich erscheint. Der alte Mann mit der Andy-Warhol-Frisur und der locker gebundenen Krawatte, der zwischen zwei Reihen Grabplatten umhertappt, die der Ausstatter Mark Lammert auf die leere schwarze Bühne gesetzt hat, verkörpert das Drama des Intellektuellen. Das Spiel der Macht, das er klarsichtig durchschaut, kommentiert er beinahe narrengleich. Die Möglichkeit des Besseren, der Veränderung ist in seinem Bewusstsein verankert – zum Handeln aber sieht er sich nicht im Stande.

Mit aktualisierenden Eingriffen hält sich Dimiter Gotscheff weitgehend zurück. Am Anfang spricht in einem blassen Auftritt Alexander Khuon (der mit Isaak Dentler alterniert) einen fiktiven Redebeitrag aus einer Konferenz der Deutschen Bank. Dort verortet Gotscheff, der dem schneidenden Skeptizismus Heiner Müller eine bedächtigere Spielart abgewinnt, das tatsächliche Machtzentrum im faulen Staat. Mit radikaltheatralischem Stakkato, den Kopf in den Nacken gelegt, brüllt Valery Tscheplanowa den Monolog der Ophelia um die weibliche Setzung gegen das männliche Prinzip in ein über ihrem Kopf baumelndes Mikrofon.

Diese Bühnenkomposition ist einerseits in sich geschlossen mit ihrem Zusammenklang von Müllers Sprache, dem installativen Raum und den schwelbrandhaft bedrohlichen Ambientsounds von Bert Wrede. Auf der anderen Seite steht eine Unmittelbarkeit der dialogischen Ansprache des Publikums.

Inmitten all des Unheils und den nicht zu vertreibenden Gespenstern der Vergangenheit ist auch eine leise, vom Schrecken überdeckte Komik.

Quelle: op-online.de

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