Roman „Scherbenpark“ verfilmt

Sehnsucht und Gewalt

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Sascha verbirgt ihren Schmerz hinter einer Fassade aus Gleichgültigkeit, Härte und Verachtung.

Frankfurt - Die Verfilmung von Alina Bronskys Roman „Scherbenpark“ kommt diese Woche in die deutschen Kinos. Das Deutsche Filmmuseum Frankfurt lud zur Preview mit Regisseurin Bettina Blümner. Von Christina Lenz

Der Film entwirft ein anderes Bild moderner, junger Weiblichkeit. Sascha, die 17-jährige russische Einwanderin, trägt ihre weiten grauen Jogginghosen, ihre Sneaker und die dunkelblaue Steppjacke wie eine Rüstung. Das Gesicht von Schauspielerin Jasna Fritzi Bauer ist meist überzogen von einer gepflegten Schicht aus Gleichgültigkeit, Härte und Verachtung, besonders, wenn sie durch ihre Siedlung läuft. Dort wohnt sie mit ihren zwei kleinen Halbgeschwistern und einer älteren Cousine und passt überhaupt nicht in diese Welt. Die Pseudo-Lässigkeit der Macho-Männern in ihrem Viertel wischt sie mit messerscharfen Kommentaren auf der Stelle weg. Virtuos wirft sie mit Sprüchen um sich, wie eine Messerwerferin im Zirkus.

Man könnte sie einfach für eine arrogante junge Frau mit Emphatieproblemen halten. Doch im Laufe des Filmes zieht sie sich selbst immer mehr Wunden zu. Allmählich wird auch die verletzte innere Welt der Protagonistin sichtbar, die sich mit ihrer Schlagfertigkeit panzert. Man erfährt, dass sie eine Trauernde ist, die um ihr Überleben ringt, nachdem sie zusehen musste, wie der Stiefvater mit mehreren Schüssen die Mutter in der eigenen Wohnung getötet hat. Als Sascha ein mitleidiges Zeitungs-Porträt ihres gefangenen Stiefvaters liest, landet sie wenig später in der Villa des Chefredakteurs mit sozialer Ader namens Volker Trebur (Ulrich Noethen). Dem wohlbehüteten und flirtenden Sohn Felix begegnet sie mit Desinteresse ganz im Gegensatz zur Luxus-Brotschneidemaschine in der Küche: „Meinst Du man könnte damit auch Schädeldecken aufknacken?“. Der Redakteurs-Sohn ist gebannt von diesem knallharten Mädchen, das sich durchs Leben kämpft wie durch einen Krieg.

Dialoge eins zu eins dem Buch entnommen

Die Dialoge entwickeln inmitten großer Tragik unglaublich komische Pointen und Stimmungen. Während sein Sohn mit einem Asthmaanfall im Krankenhauszimmer liegt, erzählt Sascha dem Redakteur Volker nonchalant vom Sex mit seinem Sohn. Der Vater bricht in einen irritierten, ungewöhnlich langen Lachanfall aus. Spätestens nach dieser Szene ist klar, dass Ulrich Noethen neben Jasna Fritzi Bauer in diesem Film glänzt. Privat ist er, ob Zufall oder nicht, schon seit Jahren mit der in Marburg und Darmstadt aufgewachsenen Autorin Alina Bronsky liiert.

Die harten, temporeichen und blitzgescheiten Dialoge des Films hat Regisseurin Bettina Blümner, wie sie im Anschluss an die Frankfurter Vorführung sagt, eins zu eins dem Buch entnommen. Nach „Prinzesinnenbad“, einem Dokumentarfilm, der den Deutschen Filmpreis gewonnen hat, ist „Scherbenpark“ der erste Langspielfilm der Regisseurin. Mit Schauspielerin Jasna Fritzi Bauer habe sie nach einem langwierigen Casting die absolut richtige Protagonistin gefunden, sagt Blümner. Bauer erhielt für ihre Rolle den Nachwuchsdarstellerpreis auf dem Max-Ophüls-Filmfestival.

Deutscher Filmpreis 2013: Die Gewinner

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Wie der Roman lebt der Film von der Hauptfigur. Am Ende greift das Mädchen mit dem losen Mundwerk sogar zu Steinen. Die Scheiben in ihrer Wohnhaussiedlung zerfallen zu Scherben, und auch in Sascha bricht das erste Mal etwas auf: der Wunsch den Scherbenpark zu verlassen, der Wunsch ihren Vater kennenzulernen. Sehnsucht und Gewalt sind die beiden Seiten eines Vexierbilds. Das macht den Film, wie schon zuvor den Roman, zu einem vielschichtigen Porträt einer kalten Welt, in der Liebe und Geborgenheit erkämpft werden müssen. Sascha verliert in diesem Kampf vielleicht ihre Sanftmut, nie aber ihren Mut, ihre Intelligenz und ihre Kraft.

Quelle: op-online.de

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