Biedermann und Brandstifter im Capitol

Offenbach - Wer auf Benzinfässern hockt, sollte nicht Zigarre rauchen. Oder Zündler mit Streichhölzern versorgen. Dies lernt das Publikum der Offenbacher „Theateressenz“ aus der Inszenierung von Max Frischs Lehrstück „Biedermann und die Brandstifter“ im Capitol. Von Markus Terharn

„Gesundes Volksempfinden“ zeigt Herr Biedermann: „Alle aufhängen“, die Brandstifter, von denen die Zeitung ständig schreibt. Der Typ ist so ölig wie das Haarwasser, das er herstellt, seine Weltsicht so eng, wie sie die Hornbrille begrenzt; seine püppchenhafte Frau Babette hat er gut im Griff. Und er hat eine Leiche im Keller, einen ausgebooteten Mitarbeiter, der den Kopf ins Gas gesteckt hat.

Auf dem Dachboden hat der Hausbesitzer bald zwei Gestalten, die er nicht mehr loswird: Prollig-hemdsärmelig der eine, Ex-Ringer Josef Schmitz, mit beeindruckender Physis, aber ohne Benehmen. Geschniegelt-glatt der andere, Ex-Kellner Wilhelm Eisenring, schmächtig von Statur, mit tadellosen Manieren. Aus ihrer düsteren Vergangenheit machen beide so wenig einen Hehl wie aus ihren finsteren Absichten...

In der Personenzeichnung liegt die Stärke von Marcus Mislins Regiearbeit. Aus dem Ensemble des Staatstheaters Mainz sind alle Partien trefflich besetzt: Allen voran Gregor Trakis, der Biedermanns großsprecherisches Menschlichkeitsgetue so genüsslich zelebriert wie seine Feigheit. Beides hindert ihn daran, den Eindringlingen entschlossen die Tür zu weisen.

Brandstifterduo lebt von seiner Gegensätzlichkeit

Das Brandstifterduo lebt von seiner Gegensätzlichkeit. Als grobschlächtiger Schmitz kommt Stefan Walz mit einem Minimum an Mimik und Muskelspiel aus, darf kauen, schmatzen und schlucken. Ein stimmiger Einfall ist es, Eisenring als Hosenrolle anzulegen. Aus diesem Widerspruch zwischen äußerer Gefälligkeit und innerer Gefährlichkeit schlägt Karoline Reinke manche Funken.

Umgekehrt wird Hausmädchen Anna von einem Mann verkörpert. Lorenz Klee widersteht weitgehend der Versuchung, eine Männerballettnummer daraus zu machen, belässt der Figur trotz vieler komischer Effekte die Würde des gebeutelten Domestiken. Als Biederfrau sucht Verena Bukal vergeblich einen Ausweg aus dem Dilemma.

Ines Aldas Bühne weist Züge des absurden Dramas auf. Sparsam möbliert mit Sessel, 50er-Jahre-Fernsehgerät und Aschenbecher, wird sie immer mehr mit Spritbehältern vollgepackt, bis die Darsteller kaum noch Spielraum haben. Und Jutta Delormes Spießerkostüme gestalten ihre Lage nicht gemütlicher.

Trotz knapper Dauer von 90 Minuten bekommen die Zuschauer das meist gestrichene, 1958 in Frankfurt uraufgeführte Nachspiel in der Hölle gezeigt. Dieses verdeutlicht, dass die Protagonisten, im Glauben, sie gehörten in den Himmel, nichts begriffen haben. Aber die Offenbacher haben verstanden: Sie belohnen die runde Leistung mit langem Beifall und Bravo-Rufen. Gern hätte man ganze Schulklassen in dieser so aufschlussreichen wie kurzweiligen Aufführung gesehen!

Quelle: op-online.de

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