Biedermann unter kühlen Weibsleuten

Damals, 2006, durfte man ohne schlechtes Gewissen Schwarz-Rot-Gold tragen. Fußball-WM im eigenen Land, Sommermärchen, nationale Farben auf Wangen allerorten. Der Osten, wohl ein wenig anfälliger für den Missbrauch nationaler Symbole, war mit Leipzig vertreten.

Dorthin, in Auerbachs Keller, zieht es bekanntlich auch Faust und Mephisto in Johann Wolfgang von Goethes Drama, dessen ersten Teil Hermann Schein jetzt am Staatstheater Darmstadt neu inszeniert hat.

Im Kleinen Haus läuft sie auf, die eher proletarisch ausschauende Faust- und Fußball-Statisterie. Überhaupt geht Regisseur Schein zunächst locker mit dem Stück um, lässt sogar eine Rap-Einlage zu, ohne sonst jedoch vom hohen, gereimten Ton abzuweichen. Faust bleibt in Darmstadt ein Biedermann im Strickjäckchen, von Uwe Zerwer so souverän wie lapidar gespielt, der Mephisto ist eine Frau, das ein Clou, den Gabriele Drechsel cool ausspielt.

Viel Text wurde an den Anfang des Dramas genommen, so dass nach dem ersten Auftritt Gretchens, gegeben von Anne Hoffmann, erst einmal Pause ist. Stolz schreitet sie zuvor über die Bühne, noch kühler wird ihr „Heinrich, mir graut vor dir“ bleiben, mit dem dieser Darmstädter „Faust“ endet. Gretchens Mini-Häuschen auf der rotierenden Drehbühne des Kleinen Hauses bleibt der ausstatterische Höhepunkt auf der Bühne von Stefan Heyne, überhaupt herrscht Reduktion vor in diesem samt Pause gut drei Stunden dauernden „Faust“.

Zu sagen hat Regisseur Schein dabei nicht übermäßig viel, immerhin lässt er kein Allgemeingut gewordenes Zitat aus („Aus den Auge, aus dem Sinn“). Das aber ist dann doch zu wenig, um einen Klassiker glaubhaft zu befragen, und so zieht sich der Abend trotz hohen Tons eher schleppend hin.

Wenn sich endlich Faust und Gretchen finden, parlieren parallel immer wieder Mephisto und Marthe (abgeklärt: Karin Klein) dazwischen, überhaupt versickert im zweiten Teil des Abends zu viel: Gretchen tritt schließlich in Ketten auf, mag aber nicht mehr recht Mitleid erregen, weil zuvor zu viel beiläufig geblieben ist. So wird die spielerische Distanz, die Regisseur Hermann Schein zunächst aufgebaut hat, schließlich zur Falle. Am Ende lässt dieser Darmstädter „Faust“ überwiegend kalt. AXEL ZIBULSKI

Nächste Vorstellungen am 21. Februar sowie am 6., 10. und 19. März 2009

Quelle: op-online.de

Kommentare