Das Bild als Abenteuer

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Schumachers Serie „Genesis“, Blatt 8, ist der Seligenstädter Basilika zu sehen.

Seligenstadt - In seinen großen Aquatinta-Radierungen wirken Farbereignisse, Kurvenschwünge und Liniengeflechte des abstrakten Expressionisten Emil Schumacher (1912-1999) ebenso kraftvoll und unergründlich wie auf großformatigen Malgründen. Von Reinhold Gries

Man sieht es jetzt gleich zweifach in Seligenstadt, an Aquatinta-Bildern in der Galerie Kunstforum wie an 18-teiliger Genesis-Folge in der Basilika: Auch auf der Druckplatte geht Schumacher aufs Ganze im Ringen mit Bildkräften, die er immer neu entfesselt. Passend zu Schumachers 100. Geburtstag ist dazu eine beeindruckende Gesamtschau gelungen, kuratiert von der Seligenstädter Kunsthistorikerin Angela Beike und großzügig bestückt von Künstlersohn Ulrich Schumacher aus Hagen.

„Ich reiße eine Linie zur Abwehr oder zum Angriff…Die Farben reißen Formen an sich, die Zeichen verlangen Farben – indem ich mich mitreißen lasse, gewinne ich mein Bild“, hat Schumacher 1957 seine Arbeitsweise beschrieben, die auch für die Unikate in Seligenstadt gilt.

Die blauen Hügel von „1/1989“, Farb-Urgesteine von 1990, in feuriges Rot gesetzte Magma, schwarze Himmelsleitern im Ocker- und Blaugrund vermitteln etwas von dessen fast existenziellem Kampf mit den (Mal-)Elementen. Gekrümmte, verschlungene, breite und unterbrochene Linien wie in „Halep“ gerieten unter seinen Händen zu künstlerischen Naturereignissen. Auch vordergründig abstrakte Figurationen und Panoramen wie in „Die Quelle“, „Il pastore“ oder „8. Mai“ zeigen: Schumacher war kein unverbindlicher Fabulierer. Am Widerstand des Materials – der Druckplatte – arbeitet er sich regelrecht ab, um im irritierenden Wechselspiel von Farb-, Form- und Selbsterkundung Raumtiefe zu gewinnen.

Lieblingsfarbe Gelb

Dazwischen wimmelt es von fast prähistorischen Kürzeln und Tierchiffren, ins Schräge laufenden Brücken, tiefen Schluchten, Wucherndem und Eingehaustem. Da wird jede Augenwanderungen ins Ungewisse zum Abenteuer. Schumachers Lieblingsfarbe Gelb, sein tiefes Meeresblau, seine vielsagenden Grauwerte, sein erdiges Ocker und Braun werden zum „Fest für die Augen“.

Den Betrachtern mutet Schumacher dabei einiges zu: „Er muß mit dazu beitragen, das Bild zu bilden. Das Bild ist keine vollendete Tatsache, sondern etwas, das sich stetig entwickelt.“ Wer also von konsumierenden Sehgewohnheiten ablässt, empfindet die Urkräfte in diesen Bildwelten, nicht weit entfernt von schamanischen Zauber, wie ihn einst Höhlenmaler ausdrückten.

Himmelsleiter: Aquatinta-Radierung aus dem Jahr 1990.

Man sieht auch: Schumacher ist der Erde näher als Himmel und Sternen. Verkrustetes und Strömendes, tiefe Bläue und kaltweiße Zonen wirken eher geerdet als himmelwärts strebend. Bögen spannen sich aus tiefem Grund wieder in ihn hinein, während sich Räder und Kreise zögernd und vieldeutig ins Bild tasten. Selbst Schumachers schwankende Himmelsleitern sind nicht unendlich. Erhebend ist es trotzdem, zu sehen, wie einer tief in die Materie eingedrungen ist und dabei Höhen erklommen hat. Das spürt man auch in vermächtnishaften Genesis-Gleichnissen in der Basilika, ausgearbeitet und im Terragraphie-Verfahren gedruckt in dessen Todesjahr.

„Farben sind Feste für die Augen. Emil Schumacher 1912-1999“ bis 25. März in Seligenstadts Galerie Kunstforum und Basilika. Eröffnung am 22. Januar, 17 Uhr. Geöffnet im Alten Haus: Samstag und Sonntag von 15-18 Uhr oder nach Vereinbarung unter 06182 924451

Quelle: op-online.de

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