Bild eines Pflänzleins in Not

„Schwarz Gold Rot“, in dieser flaggenwidrigen Folge, sind bei Regisseur Peter Kastenmüller grelle Farben. Wesen und Wirklichkeit der Demokratie mit den Mitteln des Theaters zu erkunden hat er sich vorgenommen, zum 60. Jahrestag des Grundgesetzes. Dafür werden die Zuschauer auf die Bühne des Großen Hauses im Frankfurter Schauspiel geschleust.

Diese erschließt sich als Halle, zwei Seitentribünen säumen eine längliche Spielfläche.

Es ist das Bild einer in Not befindlichen Pflanze, das der Querschnitt durch deutsche Nachkriegsgeschichte zeichnet. Erst die Demokratie als US-Import, nicht vom Volk erkämpft. Dann die bleierne Terrorzeit in den 70er Jahren. Heute: Ein Überwachungsstaat, wenn man dem Befund von „Teil der Lösung“ folgt, Finale des Triptychons nach Motiven des Romans von Ulrich Peltzer. Man lebt im Prekariat, die Welt ist ein kamerabewehrtes Einkaufszentrum, der Staatsschutz frönt Allmachtsfantasien. Alternative? Fehlanzeige. Bleibt nur Sticheln: Studentin Nele ist Mitglied einer Gewalt gegen Sachen ausübenden Gruppen; ihr nichtsahnender Freund Christin, ein sich vom Gastrokritik zu Tourismuswerbung hangelnder Journalist, arbeitet an einer Geschichte über Helfer der Roten Brigaden im Italien der 70er Jahre, die nach bürgerlicher Existenz im französischen Exil von Auslieferung bedroht sind.

1974, Heinrich Böll: „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“. Nach einem Liebesabenteuer gerät eine Hausangestellte in den Sog von Terrorfahndung und sensationsheischender Boulevardpresse. Ein VW-Käfer wird hereingerollt, Schauspieler tragen Frisuren und Kleidung der Zeit. Da ist viel Typisierung und schablonenhafter Zuschnitt.

Begonnen hat es im Kino: Szenen aus politischen Aufklärungsfilmen der frühen Tage, die Deutschen als Analphabeten der Demokratie. Die Belege der US-Reeducation wirken so possierlich, wie es Altbackenes in Schwarz-Weiß heute tut; die Schauspielertruppe hampelt imitatorisch vor der Leinwand herum.

Dieser Prolog ist sicher der schwächste dieser „Drei Teile deutsch“. Plakativ, schlaglichtartig, etwas atemlos geht es auch in den anderen zu. Eine Themenrevue mit viel Dampf. Das Grobmotorische scheint ein adäquates Mittel für Kastenmüllers Unterfangen. Sind die Farben auch grell: Wirklichkeit zu vergegenwärtigen, das ist an diesem nicht ganz dreieinhalb Stunden währenden Abend durchaus gelungen. „Schwarz Gold Rot“ ist eine Bestandsaufnahme – nichts dagegen! STEFAN MICHALZIK

Auch am 27. Februar, 11., 18. und 26. März

Quelle: op-online.de

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