Bilder aus Neu-Atlantis

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Beckmann-Tryptichon „Argonauten“, 1949-50, Öl auf Lei nwand.

Frankfurt - Max Beckmann s Anspruch war, eine Art Weltmeister moderner Kunst zu werden. Retrospektiven wie „Beckmann. Die Landschaften“ im Kunstmuseum Basel oder die morgen eröffnende „M. B. Von Angesicht zu Angesicht“ in seiner Geburtsstadt Leipzig deuten an, was sich in der Schau „Beckmann & Amerika“ ab 7. Oktober bestätigen wird: Der dem Titanischen zuneigende Mann hat irgendwie Recht. Von Reinhold Gries

„San Francisco“, 1950, Öl auf Leinwand.

Um das zu untermauern fährt das Städel schweres Geschütz zum 1915-33 in Frankfurt Wirkenden und Lehrenden auf, der gern auch monumentale Wandmalereien geschaffen hätte: die Triptychen „Departure“ (1932-35) und „The Beginning“ (1946-49) aus New York, die „Argonauten“ (1949-50) aus Washington, herausragende Maltafeln wie „Cabins“ (1948), „Backstage“ und „Abstürzender“ von 1950, die heimgekehrte, 1919 von Städel-Direktor Swarzenski aus Beckmanns Sachsenhäuser Atelier herausgekaufte „Kreuzabnahme“ oder den bisher unbekannten „Morgen am Mississippi“ von 1949.

„Abstürzender“, 1950, Öl auf Leinwand.

Um die 50 Gemälde begleiten 60 Zeichnungen, Aquarelle, Druckgrafiken und Skulpturen aus oder für Amerika, gemeinsam noch nie zu sehen. Städel-Direktor Max Hollein, seit Amtsantritt 2006 von diesem Projekt angetan, profitiert auch von der Arbeit der Offenbacher Kunsthistorikerin Ursula Harter. Mit einem Vortrag über Beckmann und dessen Kunsthändler J.B. Neumann und beim Beckmann-Symposion 2007 hat sie den Blick vom Amsterdamer Zwangsexil (1937-47) um den krönenden Abschluss in der Neuen Welt (1947-50) erweitert. Mit Kuratorin Jutta Schütt hat sie die Städel-Werkauswahl besprochen und mit dem Katalogbeitrag „Zu den tiefsten Tiefen der Zivilisation“ unterfüttert. Zur Buchmesse wird die Bürgelerin mit Stephan von Wiese ihr Werk „Kampf um die Weltmeisterschaft“ vorstellen, das 110 Dokumente und Beckmann-Briefe von 1916 bis 1948 auswertet, die Hälfte davon bisher unbekannt. Enkelin Marion Beckmann hat die „Entdeckungen aus dem Schrank“ als Originale bestätigt.

Beckmann 1947 im New Yorker Mo MA.

Harter gibt Einblick in Beckmanns Antrieb: „Von den Nazis verfemt und ins Amsterdamer Exil abgedrängt, von Kind an getrieben von Sehnsucht nach der Neuen Welt wie nach Ursprüngen alter Kulturen, sah Beckmann die USA als neues Atlantis.“ Er wäre viel früher aus Amsterdamer Enge nach Amerika ausgewandert, hätte er notwendige Visa erhalten. Am 29. August 1947 war es so weit, Beckmann trat seine erste Ozeanreise an. Harter dazu: „Für den 63-jährigen Maler ging ein Traum in Erfüllung. Um sich auf die Überfahrt in die Neue Welt einzustimmen, hatte er die Vita des homerischen Seefahrers Odysseus gelesen“. Solcher Hintergrund erklärt auch Beckmanns antik-mythologisches Bildpersonal in „Departure“ oder „Argonauten“. Dazu weist Harter erstmals auf andere Quellen: Beckmann las in den 30ern Alexander Bessmertnys „Atlantisrätsel“ oder „Meere der Urzeit“ des Senckenberg-Direktors Fritz Drevermann. Die untergegangene Welt gigantischer Urwesen beschäftigte den tiefgründigen Selbstsucher ständig.

„Beckmann wollte auch Musiker werden“

„Beckmann wollte auch Musiker werden“, ergänzt Harter. Schon in seiner Frankfurter Zeit Fan des Jazz und „wilder, schwarzer Musik“, führten ihn Lehraufträge und Reisen in Hochburgen wie New Orleans, St. Louis, Memphis, Chikago. Musikalische Bezüge der neun gewaltigen Dreitafelbilder stellt auch Beckmann-Freund Stephan Lackner her: „Im Aufbau erinnern die dreisätzigen Werke an Beethovens, Schuberts, Bruckner und Mahlers symphonische Neunzahl. Themen werden variiert, in wechselnden Bezügen durchgeführt mit humoristischen Scherzi und adagiohafter Tragik“. Auf die zarten Seiten des sich oft machohaft darstellenden, hochbegabten „Geld- und Karrieremenschen“ (Harter) darf man im Kunstherbst gespannt sein.

Quelle: op-online.de

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