Deutsches Ledermuseum stellt 63 Skulpturen aus

Bildlichkeit und Bewegung

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Offenbach - Insgesamt 63 Skulpturen zeigt das Deutsche Ledermuseum (DLM) ab Samstag in einer Werkschau des gebürtigen Rumänen Radu Rosetti, der in Offenbach wohnt. Die Ausstellung ist bis 1. September zu sehen. Von Harald H. Richter

Rosetti arbeitet vor allem mit Speckstein, aber auch Alabaster, Marmor und Bronze sind seine Werkstoffe, aus denen überwiegend tierfigürliche Werke entstehen. Dies geschieht im Kellergeschoss seines Hauses an der Thüringer Straße, wo sich allerdings ein Atelier „von eher überraschend bescheidener Größe“ befindet, sagt Radu Rosetti. Einen inhaltlichen Querschnitt seiner Plastiken, die dort in den vergangenen rund zwei Jahrzehnten entstanden sind, macht der Skulpturenkünstler öffentlich und präsentiert sie nun im DLM.

Seine ersten Gehversuche als Bildhauer liegen weit zurück. „Es begann während meines Ingenieurstudiums mit einigen Plastiken aus Terrakotta“, ruft der 1937 in Bukarest Geborene in Erinnerung. Diese Ziegeltonarbeiten blieben lange Zeit das Einzige, was er mit kunstfertiger Hand schuf, denn der Beruf genoss Vorrang. Rosetti verdiente bei mehreren rumänischen Betrieben im Bereich Elektrotechnik und Automation auf dem Gebiet der Planung und Wartung von Industrieanlagen seinen Lebensunterhalt, bevor er 1974 mit seiner Familie nach Deutschland auswandern durfte. In Offenbach wurde er heimisch und zeichnete hier in seinem erlernten Beruf bei Honeywell Industrieautomation für die Planung von Prozessleitsystemen verantwortlich, wirkte später auch im Bereich Marketing/Kommunikation und ging 1999 in Pension.

Ausgeprägtes Interesse für die Tierwelt

Erst nach dem erfolgreichen Berufsleben fand der heute 75-Jährige Zeit und Muße, seiner Passion zu folgen, aus unterschiedlichen Werkstoffen Skulpturen zu gestalten. Inspiration lieferten ihm ausgedehnte Reisen, unter anderem in die USA, nach Mexiko, Indien und Ägypten. Rosettis ausgeprägtes Interesse für die Tierwelt mag den Ausschlag dafür gegeben haben, dass er vorwiegend Vögel und Fische, aber auch Federvieh aus Steatit, hin und wieder aus Ton und Polyester, sowie vereinzelt aus Beton modelliert. Am liebsten jedoch greift er zu Speckstein, dessen Hauptbestandteil Talk ist und ihn in reiner Form zu einem Mineral macht. Er ist wegen seiner geringen Härte – bei der Vergleichsprüfung nach Friedrich Mohs liegt Speckstein auf Stufe 1 der Ordinalskala – leicht zu bearbeiten. Da in vielen Lagerstätten begleitende Minerale hinzutreten, bekommt Speckstein eine besonders farbgebende und strukturprägende Akzentuierung. Diese optische Wirkung regt Rosetti zu differenzierter gestalterischer Formgebung an.

Kranich-Bronze

Der Einfluss anderer Künstler auf sein Schaffen ist unverkennbar. Vor allem Rosettis berühmter Landsmann Constantin Brâncusi, der zu den prägenden Bildhauern des 20. Jahrhunderts zählt, der Franzose André Derain sowie der deutsche Bildhauer und Grafiker Wilhelm Lehmbruck haben es ihm angetan. In Anlehnung an Brâncusi entstand beispielsweise die Arbeit „Eule auf Sockel“. Bei den von Naturalismus und Expressionismus beeinflussten Skulpturen, wie sie in der Kunstrichtung seines Vorbilds Lehmbrucks offenbar werden, drücken sich Leid und Elend aus. Sie bleiben aber anonymisiert, es sind also keine individuellen Gesichtszüge oder vergleichbaren Auffälligkeiten erkennbar. Doch auch von der Kunst des belgischen Malers René Magritte hat Rosetti sich anregen lassen.

Interpretationsraum gegeben

Nicht alle Motive sind auf Anhieb zu deuten, wie das Exponat eines Drachen, so dass sie durch die Rätselhaftigkeit ihrer Formgebung die Betrachter in einen interpretatorischen Disput eintreten lassen. „Ein gewollter Effekt“, merkt Museumdirektor Christian Rathke an. Andere Exponate, wie der auftauchende Fisch, scheinen in ihrer Bildlichkeit in Bewegung zu geraten und definieren sich für das Publikum gewissermaßen als Positiverlebnis. Dies ist bei zahlreichen weiteren Tierskulpturen der Fall. Ähnliches veranschaulicht das in Zement gegossene und bemalte Relief einer Vogelgruppe im Flug sowie die Bronzefigur eines Kranichs. Dessen Negativform aus Silikon und Gießwachs ist in der Cafeteria vor dem eigentlichen Ausstellungsraum in einer Großvitrine zusammen mit einem Arbeitstisch und einem Skizzenblock zu sehen. Dieser atelierartige Aufbau soll die Besucher hinführen zu der umfassenden Werkschau Rosettis, der zum zweiten Mal nach 2009 im Deutschen Ledermuseum ausstellt. Zugleich schlagen die Plastiken einen Bogen zu den Arbeiten der Inuit und Eskimo, wie sie zurzeit mit einigen herausragenden antiken und rezenten Stücken im Deutschen Ledermuseum vertreten sind.

Unterstützung findet Rosetti bei seiner künstlerischen Arbeit durch seine Ehefrau und die gemeinsamen Kinder, die ihm bei der Vorbereitung der Ausstellung nach Kräften geholfen haben. Dass er zum zweiten Mal seit 2009 im DLM ausstellt, hat einen besonderen Grund: Hier findet er ideale Präsentationsbedingungen für seine vor allem kleinformatigen Stücke vor. Die Schau „Radu Rosetti: Skulpturen“ wird heute um 16 Uhr eröffnet und ist bis 1. September im Deutschen Ledermuseum Offenbach, Frankfurter Straße 86, zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstags bis Sonntags jeweils 10 bis 17 Uhr.

Quelle: op-online.de

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