Béla Pintér im Mousonturm

Ungarische „Geheimnisse“

Frankfurt - Budapest in den achtziger Jahren. Es ist die Ära eines doktrinär geprägten Systems der staatlichen Überwachung und Unterdrückung, im Sinne dessen, was in den Ländern des damaligen Ostblocks für Sozialismus ausgegeben worden ist. Von Stefan Michalzik

Staatlicherseits gefördert wurde die Beschäftigung mit der volksmusikalischen Überlieferung. Sogenannte Tanzhäuser sind ein wichtiger Ort für das gesellschaftliche Leben im damaligen Ungarn gewesen. Das Stück ,,Titkaink - Unsere Geheimnisse“ von dem ungarischen Autorenregisseur Béla Pintér, Jahrgang 1970, ist am Frankfurter Mousonturm zu sehen gewesen, als Gastspiel im Zuge der am Wiesbadener Staatstheater angesiedelten Biennale Neue Stücke aus Europa. Sie hat mit drei Theaterarbeiten zum ersten Mal seit zehn Jahren wieder eine Dependance in Frankfurt.

Ein verdienter Volksmusikforscher entdeckt zu seinem Schrecken eine pädophile Neigung. Er wird damit erpressbar. Die Staatssicherheit bekommt Wind von der Sache und zwingt ihn zur Mitarbeit. Er wird auf einen Tanzlehrer angesetzt, der eine illegale Untergrundzeitung herausgibt. Dessen große Liebe ist eine linientreue Kommunistin; als er verhaftet wird, glaubt er, dass sie ihn verraten habe.

Die - in der ungarischen Gesellschaft noch ausstehende - Beschäftigung mit dem lastenden Erbe der Vergangenheit gerät ungeachtet der Ernsthaftigkeit nicht bleiern, das Stück ist unterhaltsam, viele Szenen sind ausgesprochen komisch - nie albern. Die Bilder um den Missbrauch sind beklemmend, manche Begegnung zwischen dem Täter und dem Mädchen ist von einer bitteren Pointierung, der nichts Unangemessenes anhaftet.

Störende Übersetzung

Es wird über Kopfhörer simultan übersetzt. Gerade bei den originellen Musiknummern ist das störend. Die ohnedies schlichten Texte der Tanzlieder hätte man im Sinne des Genusses besser im Programmheft dokumentiert. Für die Dialoge wäre eine Übertitelung die erste Wahl.

Die Gegenwart. Im finalen Bild treten die alten Kaderfunktionäre als neue Machthaber auf, kaschiert in Kostümen von einer sich zeitgemäß gebenden Eleganz. Geändert haben sich die Vorzeichen, die Strukturen sind die gleichen geblieben.

Vor dem Hintergrund der altersbedingten Verabschiedung des langjährigen Wiesbadener Intendanten Manfred Beilharz, der die Biennale vor 22 Jahren gemeinsam mit Tankred Dorst in Bonn gegründet hatte, ist dieser Jahrgang als der letzte annonciert. Kürzlich hat Matthias Pees, seit ungefähr neun Monaten erster Mann im Mousonturm, angekündigt, dass nun auch Sprechtheater einen Platz an diesem Haus haben soll. Ausschließlich fremdsprachliches, in deutscher Sprache ist es schließlich an den Stadttheatern verankert. Ein Gedankenspiel drängt sich auf: Der als Gastspielhaus erfahrene Mousonturm könnte künftig die Federführung für die Biennale übernehmen, mit dem Schauspiel und den Staatstheatern als Partnern. Eine gewaltige Chance für die Region.

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © Symbolbild: dpa

Kommentare