„Kinder der Sonne“

Blind für die Verhältnisse

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Thomas Huber als Pawel Fjodorowitsch Protassow und Claude de Demo als Melanija in „Kinder der Sonne“.

Frankfurt - Pawel Fjodorowitsch Protassow hat große Ziele. Angetrieben vom Glauben an Vernunft und Wissenschaft will der Chemiker die Menschheit vom Los der Sterblichkeit befreien. Von Stefan Michalzik

Es ist die utopische Vision vom Neuen Menschen und einer Gemeinschaft im paradiesichen Zustand der Einigkeit, die seinen Eifer antreibt - und ihn blind macht für die Verhältnisse um ihn herum. Seine Frau fühlt sich nicht geliebt, sie erwägt es, dem Werben eines Malers nachzugeben. Seine Schwester ist nervenkrank, draußen sterben die Leute an der Cholera.

Maxim Gorkis Stück ,,Kinder der Sonne“ ist lange Zeit kaum gespielt worden, erst in den letzten Jahren tauchte es vermehrt auf den Spielplänen auf, nun auch am Frankfurter Schauspiel. Die Regisseurin Andrea Moser ist erkrankt, daher hat der Intendant Oliver Reese die Schlussproben übernommen. Moser hat zuletzt viel Oper inszeniert. Gerade der Führung des Kollektivs - in vielen Szenen irrlichtern nicht beteiligte Schauspieler im gemessenen Schritt balletthaft im Hintergrund umher - merkt man das an. Olaf Altmann, der kongeniale Szenograf einer reduktionistischen Strenge bei Michael Thalheimer, hat einen Wald aus Säulen und Stümpfen in den schwarzen Raum gesetzt, eine längere Weile lässt die Drehbühne ihn kreisen.

1905 hatte sich Gorki an der Seite der Arbeiter am blutig niedergeschlagenen Aufstand in St. Petersburg beteiligt, das Stück hat er im gleichen Jahr in der Festungshaft geschrieben und um der Zensur vorzubeugen in die Zeit der Cholera-Unruhen von 1892 zurückversetzt. Zu sehen ist eine Schicht von bürgerlichen Intellektuellen, die einer fälligen gesellschaftlichen Veränderung zwar wohlwollend gegenüberstehen, ihr Leben jedoch vor der Welt abschotten. Sie sind Künstler, Wissenschaftler, Tierarzt oder einfach reich - und heillos mit sich selber beschäftigt. Die Welt bricht freilich immer wieder herein, beispielsweise in Gestalt des von Roland Bayer als fies gemütlich verkörperten Geschäftemachers Nasar Awdejewitsch und seines Sohns Mischa, den Vincent Glander passend aasig spielt, Verfechter des aufkommenden Kapitalismus.

Liebesbegehren spielt sich überkreuz ab und ohne Aussicht

Liebesbegehren spielt sich überkreuz ab und ohne Aussicht. Andrea Moser kehrt viel Botho Strauß in diesem tschechowhaften Gorki hervor, in einer zeitlichen Schwebe; milde, ohne aufdringliche folkloristische Tümelei erinnern die Kostüme von Anja Rabes an Ursprungszeit und -ort. Der Umstand, dass Bürgertum und Intellektuelle auch heute ihre mehr oder weniger schöne Welt samt Illusionen hegen, sich Veränderungen gegenüber offen geben, aber den Kontakt zur sozialen Wirklichkeit scheuen, braucht des szenischen Verweises nicht.

Vehement artikuliert diese sich in Gestalt des plebejisch breitschultrigen Schlossers Jegor, der seine Frau schlägt. Viktor Tremmel spielt den selber geschundenen Mann mit einer frappierenden Präsenz. Er treibt die Figur in ihren schlimmsten Momenten in die Komik, der Lächerlichkeit aber gibt er sie nicht preis. Es ist überhaupt die Komik in den Lebenstragödien, die Andrea Moser interessiert, sie meidet eine falsche einfühlende Psychologisiererei. Oft wird quer durch’s erstklassige Ensemble der Rand der Karikatur gestreift, albern wird’s aber nicht.

Diese Inszenierung ist von einer ökonomischen Stilsicherheit. Es geht um eine im höheren Sinne ,,einfache“ Form der Theatererzählung, ohne Spintisieren, ohne Bebilderung. Der Komponist Sven Kaiser hat viele der Szenen atmosphärisch sinnstiftend filmmusikalisch unterlegt. Andrea Moser kommt ohne belehrenden oder besserwisserischen Fingerzeig aus, sie enthält sich der Gefälligkeit, auch im Komischen. Das verfängt.

Quelle: op-online.de

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