Bloß nicht über den Tellerrand

Offenbach - Kunstgrasidyll und Gartenstuhl samt Sitzkissen: Mehr braucht Kabarettist Gerd Dudenhöffer nicht, um als kleinbürgerlicher Schwadroneur Heinz Becker zur Entfaltung zu kommen. So lässt sich entspannt über Gott und die Welt plaudern. Von Ferdinand Rathke

Kaum vorstellbar, dass der griesgrämige Besserwisser mit Hang zu Zoten und Kalauern im nicht ausverkauften Offenbacher Capitol dem anspruchsvollen Titel des Programms „Kosmopolit“ gerecht wird.

Mein lieber Scholli“, beginnt er seinen vergnüglichen soziophilosophischen Rundumschlag. Eigentlich wollte er den Mirabellenbaum beschneiden, doch das Kabel ist zu kurz. Auftakt zu akribischer, nicht endenwollender Ursachenforschung, die vom Hundertsten ins Tausendste führt und im Weltruhetag mündet. Da erfahren Banker Gleichsetzung mit Terroristen. Bonifatius entpuppt sich als Schutzpatron geldgieriger Manager. Nutzlos seien die vom Bund geschnürten Hilfspakete: „Wenn einer aus dem Flugzeug fällt, hilft es doch auch nichts, wenn er einen Fallschirm hinterher geworfen bekommt.“

Weit holt die seit 1982 auf Bühne, seit 1992 im TV existente Kunstfigur aus. Im Minutentakt sorgt der mit Gattin („das Hilde“) und Sohn Stefan im provinziellen Bexbach ansässige Becker für Erschütterung des Zwerchfells, wenn er falsch verstandenes Halbwissen zum Besten gibt: Unbekümmert plauscht er beim Klimawandel über den „Domina-Effekt“, leitet „Leitzins“ von Leute ab, bezeichnet einen Wetterfrosch im Fernsehen als ungepflegten Penner mit Anzügen aus der Altkleidersammlung. Selbst die Politik weiß der nassforsche Saarländer zu analysieren. „Die CDU sagt: So geht’s! Die FDP meint: Geht doch! Die Grünen fragen: Wie geht’s? Die Linke behauptet: So geht’s nicht! Und die SPD gesteht sich ein: Wir gehen!“

Sexualität wird recht grob gehandhabt

Der mit köstlichem Dialekt, perfekten Zäsuren und gespieltem Ringen um den richtigen Begriff glänzende Autor rät: „Blick ja nicht über den Tellerrand, da zieht’s!“ Eins übergebraten bekommen alle, auch unter der Gürtellinie und weitab politischer Korrektheit. Recht grob wird Sexualität im Hause Becker gehandhabt, wenn der Gatte sich als unverbesserlicher Romantik-Muffel outet, der erst nach der Hochzeit erfuhr, was ein Kondom ist. Kurzerhand als „Guantanamera“ tituliert wird das amerikanische Islamisten-Gefangenenlager Guantanamo auf Kuba.

Die These, dass der Mauerfall Absicht war, damit die Ossis alles renoviert bekommen, um das Bauwerk nach 20 Jahren wieder hochzuziehen, erntet tosenden Beifall. Auch die teure Wellness, sich auf die faule Haut legende Migranten, unzulänglicher Nichtraucherschutz und immer wieder die bessere Hälfte werden von dem kein Blatt vor den Mund nehmenden Heinz Becker mit unglaublichen Pointen verarztet.

Quelle: op-online.de

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