Blut fließt in Mykene

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Macht und Mord: Renée Morlok als Klytämnestra und Lisa Livingston als Elektra im Wiesbadener Staatstheater

Elektras Vater ist fast immer gegenwärtig. In Gestalt eines Bildes aus Acryl und Tusche, das den Hintergrund bildet in Rebecca Horns Wiesbadener Inszenierung der „Elektra“ von Richard Strauss. Von Axel Zibulski

Ansonsten herrscht visuelle Sparsamkeit in der Eröffnungspremiere der Wiesbadener Maifestspiele. Nur ein langes, spitz zulaufendes Pendel bewegt sich im Zentrum der Bühne, anfangs hat ein stummer Wächter eine Schale mit Blut platziert.

Zum zweiten Mal erst hat die 1944 geborene, international renommierte Konzeptkünstlerin Rebecca Horn eine Oper inszeniert. Nach den Schattierungen des Leisen in Salvatore Sciarrinos zeitgenössischem Werk „Luci mie traditrici“ vor zwei Jahren bei den Salzburger Festspielen nun also die Wucht von Mythos und Psychologie im 1909 uraufgeführten Einakter von Richard Strauss und Librettist Hugo von Hofmannsthal. Das Spannungsfeld von eher fein ausgestalteter Szene und musikalischer Drastik ist in Wiesbaden offensichtlich. Man muss manchmal genau hinsehen, um die Schüttungen und Verschiebungen des dominierenden Agamemnon-Bildes über dem satt aufspielenden, von Marc Piollet zudem zu ungewöhnlichen rhythmischen Akzentuierungen angehaltenen Orchester des Staatstheaters wahrzunehmen.

Denn die Gestalt des toten Agamemnon lässt Horn mit ihrem dominanten Bild zurecht zu einer zentralen werden; Elektras Bruder Orest rächt den Mord an ihm, indem er seinerseits die Mutter Klytämnestra umbringt, dazu deren Liebhaber Aegisth.

Die Entwicklung dieser höchst blutigen familiären Spannungen zeigt Horn allerdings mit reichlich konventionellen Operngesten: Mutter Klytämnestra, glutvoll dunkel von Renée Morloc vokal dämonisiert, wird einmal mehr im starren Stuhl der Macht hereingeschoben. Elektras Schwester Chrysothemis, die sich mit den Verhältnissen im Königspalast von Mykene arrangiert hat, tritt charakternivelliert und weiß verhüllt auf (Kostüme: Amélie Haas); Janice Dixon gibt ihr umso beeindruckendere Reife.

Nächste Vorstellung am 17. Mai, Wiederaufnahme im Herbst.

In der Titelpartie der Elektra kann sich Lisa Livingston der Sympathien des Publikums in dieser umjubelten Maifestspiel-Premiere sicher sein. Eher wahr als schön klingt, wie sie mit merklich voneinander abgesetzten Register-Färbungen die gewaltige Partie verkörpert, in ihrem eröffnenden Agamemnon-Monolog allerdings im Ausdruck noch zu neutral. Als ihr Bruder Orest bringt Bernd Hofmann sonore Eleganz in diese Neuproduktion, an deren Ende das Pendel den Tod bedeutet. Denn Elektra schneidet sich damit die Pulsadern auf. Und wieder fließt Blut am Königshof von Mykene.

Quelle: op-online.de

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