Bösartiges Lamento auf hohem Niveau

Frankfurt - Was hat der Mann nicht alles für Titel: Er ist Übersetzer, Autor, Satiriker, Kolumnist, Altlinker und „Ambassador of Irish Wiskey“, einem Millionenpublikum aber ist er vor allem durch seine Auftritte als Obdachloser in der „Lindenstraße“ bekannt: Harry Rowohlt. Von Maren Cornils

Wer sich jetzt im Mousonturm Frankfurt eingefunden hatte, freilich war nicht wegen des schauspielerischen Talents des Verlegersohnes gekommen, sondern um Rowohlt bei dem zuzusehen und zu hören, was er am besten beherrscht – dem Spotten, Parlieren und Philosophieren.

An Stoff mangelt es dem streitbaren „Linkstelefonierer“ und „Rechtsraucher“ indes nicht. Da plaudert Rowohlt in der ihm eigenen Art mit vielen Exkursen, unermüdlicher Energie – „um zehn mache ich eine erste Pause“ – und feinsinniger Ironie über seine Polyneuropathie, über den ärztlichen Auftrag, sich viermal pro Jahr ordentlich die Kante zu geben, über lange Kino-Nächte in Frankfurt, den Umzug des Suhrkamp-Verlages und seine Erfahrungen mit linken Demonstrationen – und spart dabei nicht mit Giftpfeilen.

Sich Silvester betrinken ist unter seiner Würde

Ein Redakteur des Magazins „Cicero“ bekommt den Spott des Whiskey-Freundes ebenso zu spüren wie seine Lieblingszielscheibe, Verlegerswitwe Ulla Unseld-Berkéwicz, alternative Filmemacher oder rechte Schlägertrupps: „Nazis schlagen ja ungern zu, wenn es nicht mindestens drei zu eins steht.“ Nebenbei bekennt er sich dazu, mittelscharfen Senf für Blödsinn, Leserbrief schreibende Oberlehrer für eine Landplage und ein Besäufnis an Silvester für unter seiner Würde zu halten: „Ich bin doch nicht blöd und betrinke mich in der langen Nacht der Amateure.“

Doch Rowohlt wäre nicht Rowohlt, würde er nicht dazwischen mit viel Stimmeinsatz Frank McCourt rezitieren, irische Hymnen anstimmen, von seinem Bielefelder Lieblingserlebnis berichten oder über die Gesetzmäßigkeiten bei Demos spotten.

Egozentrismus, der nicht langweilt

Wie auf einer Perlenschnur reiht ein selbstvergessen vor sich hin erzählender Rowohlt Anekdote an Anekdote, Kritikerbeschimpfung an Kollegenlob, dabei mühelos den einen oder anderen spontanen Witz einflechtend, immer aber um sich selbst kreisend. So viel Egozentrismus mag bei jedem anderen langweilen, dem mittlerweile 64-Jährigen aber vergibt man schon deshalb, weil kaum einer so niveauvoll und gleichzeitig bösartig zu lamentieren versteht.

Quelle: op-online.de

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