Der Bruder in Jacobs Schatten

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Wilhelm Grimm (sitzend) mit Bruder Jacob.

Er gilt als der sensiblere und anmutigere der beiden berühmten Märchenbrüder, hatte eine poetische Ader und - wie sein älterer Bruder Jacob das „intuitive Genie“ von Wilhelm Grimm einst nannte - einen „Silberblick“. Heute jährt sich der Todestag des weltberühmten Märchensammlers, Sprach- und Literaturwissenschaftlers zum 150. Mal. Von Christian Spindler

Die Brüder Grimm, die 1785 bzw. 1786 in Hanau geboren wurden, sind die berühmtesten Söhne der Stadt. Ihre Märchensammlung gilt als auflagenstärkstes Werk überhaupt - übertroffen nur von der Bibel. Hanau, das sich seit 2006 offiziell „Brüder-Grimm-Stadt“ nennen darf, war die erste Station ihres Lebens; weitere führten nach Marburg, Kassel, Göttingen und Berlin.

Wilhelm Grimm, zweitältestes von vier Kindern einer Beamten- und Pastorenfamilie, war zeitlebens eng mit seinem älteren Bruder Jacob verbunden. Der asthmatische und später herzkranke Wilhelm stand stets im Schatten Jacobs. Als Wilhelm 1825 die Apothekerstochter Henrietta Dorothea („Dortchen“) Wild heiratete, blieb der Bruder in der gemeinsamen Wohnung.

Familie siedelte bald um nach Steinau um

Lebhaft steht mir noch in Gedanken, wie wir beide Hand in Hand über den Markt gingen“, beschreibt Wilhelm Grimm in seiner Autobiografie die Erinnerungen an seine Geburtsstadt Hanau. Doch die Familie siedelte bald um nach Steinau. Nach dem frühen Tod des Vaters wurden die Brüder aufgrund der wirtschaftlichen Lage der Grimms zu einer Tante nach Kassel geschickt. Dort besuchten sie das „Lyceum Fridericanum“; später begannen sie in Marburg ein Jurastudium.

Wilhelm Grimm

Angeregt durch einen ihrer Professoren, Friedrich Karl von Savigny, begannen sie Märchen, Lieder und Sagen zu sammeln. Sie schreiben Geschichten auf, überarbeiteten und brachten sie in eine eigene Sprache, was zuvor jahrhundertelang mündlich überliefert worden war. Die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff soll ihnen ebenso Märchen zugetragen haben wie die Gastwirtstochter Dorothea Viehmann in der Nähe von Kassel. Beeinflusst wurden die Grimms aber auch von anderen Kulturkreisen, etwa den Märchen des Franzosen Charles Perrault, dessen „Cendrillon“ in abgewandelter Form als „Aschenputtel“ in die Grimm’sche Sammlung Einzug hielt. Die Geschichte von „Rotkäppchen“ kannten die Grimms vermutlich schon aus ihrer Kindheit in Hanau, die „Sterntaler“ lernten sie wohl in Steinau kennen.

Vor fast 200 Jahren erschien der erste Band der Grimmschen „Kinder- und Hausmärchen“, die mittlerweile in 160 Sprachen übersetzt wurde. 210 Märchen trugen die Brüder insgesamt zusammen. Die Kasseler Handexemplare der „Kinder- und Hausmärchen“ wurden 2005 von der Unesco zum Weltdoku mentenerbe erklärt.

Auch wenn die Grimms mit ihrer Sammlung die deutsche Volkspoesie dokumentieren wollten, so betrachteten sie die „Hausmärchen“ auch als „Erziehungsbuch“. Die Themen seien gleichwohl bis heute aktuell, sagt Dieter Gring. Der 39-Jährige ist Intendant der Brüder-Grimm-Märchenfestspiele, die in Hanau 1985 ins Leben gerufen wurden und zuletzt 70000 Besucher hatten. „Der Zauber der Grimmschen Märchenwelt verbindet die Menschen über die Generationen hinweg“, meint auch Hanaus Oberbürgermeister und Kulturdezernent Claus Kaminsky.

Begründer der Sprach- und Literaturwissenschaft

Die Märchen-Sammlung der Grimms, die in Kontakt zu vielen Geistesgrößen standen, darunter auch Goethe, wurde zu ihren Lebzeiten nicht durchweg geschätzt. August Wilhelm Schlegel lästerte über „Ammenmärchen“ und eine Rumpelkammer wohlmeinender Albernheiten“.

Die Nachwelt sah das anders. Nicht nur wegen der Märchen. Die Grimms zählen längst zu den bedeutendsten Geistespersönlichkeiten der deutschen und europäischen Kulturgeschichte, gelten als Begründer der deutschen Sprach- und Literaturwissenschaft.

Ruhm erlangten sie freilich mit ihren Märchen, „die man heute in aller Welt mit dem Namen der Brüder Grimm in Verbindung bringt“, so OB Kaminsky. Nicht nur in Hanau wurde den Märchenbrüdern ein Nationaldenkmal auf dem Marktplatz gesetzt, selbst im fernen Japan steht in einem Erlebnispark ein Nachbau der Skulpturen. Und auf der „Deutschen Märchenstraße“ von Hanau nach Bremen pilgern jährlich eine Million Touristen.

Während Jacob Grimm rasch Karriere machte, musste sich Wilhelm, der sensible mit der poetischen Ader, wegen seiner angeschlagenen Gesundheit immer  wieder schonen.       

Als Sekretär der Kassler Bibliothek hielt er seinem Bruder den Rücken frei. Er trat aber auch aus seinem Schatten. 1837, inzwischen war auch er Professor in Göttingen, unterzeichnete er zusammen mit Jacob den Protest der „Göttinger Sieben“ gegen den Verfassungsbruch des Königs von Hannover und unterstützte die liberale Bewegung. Die Brüder wurden ihrer Ämter enthoben und des Landes verweisen. Sie gingen nach Berlin, wurden Mitglieder der Preußischen Akademie der Wissenschaften.

Geburtsstadt plant Brüder-Grimm-Kulturzentrum

Von Hanau nach Berlin - ein weiter Weg für die damalige Zeit und ein steiler Aufstieg zweier so eng verbundener Brüder. In der Hauptstadt ist die gerade eingeweihte elegante Zentralbibliothek der Humboldt-Universität nach den berühmten Geistesgrößen benannt: das Jacob- und Wilhelm-Grimm-Zentrum. In Kassel, dem Sitz der Brüder- Grimm-Gesellschaft, gibt es ein Brüder-Grimm-Museum, in Steinau ein Brüder-Grimm-Haus. Die Geburtsstadt Hanau plant neben ihren etablierten Brüder-Grimm-Festspielen derzeit ein Brüder-Grimm-Kulturzentrum. 100.000 Besucher will man jährlich in solch ein Kindermuseum locken.                             

Auf dem St. Matthäus-Kirchhof in Berlin-Schöneberg wurde Wilhelm Grimm beigesetzt. „Er war mit der Wünschelrute unterwegs“, schreibt Claudia Schülke in einem Beitrag über Wilhelm Grimm und die Gedenkrede, die sein Bruder Jacob für ihn hielt, der ihn vier Jahre überlebten sollte. „Die Wünschelroute fiel uns glücklicherweise in die Hand“. Er meinte damit „die Einfühlsamkeit, mit der Wilhelm Grimm die Volksseele in der  Poesie aufspürte“, so Claudia Schülke.

 Aus Anlass des 150. Todestages von Wilhelm Grimm sowie des 225. Geburtstages von Jacob Grimm ist in Schloss Philippsruhe in Hanau von 8. bis 31. Januar die speziell für Kinder konzipierte Wanderausstellung des Museums Kassel „Märchenwald und Zauberschloss“ zu sehen. Wilhelm Grimm - oben und als sitzende Statue im Nationaldenkmal auf dem Hanauer Marktplatz

Quelle: op-online.de

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